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23.04.2015 |  Fritz Jurmann

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen der Seebühne - „Kein Chinarestaurant-Kitsch bei ‚Turandot‘!“

Nur ein bisschen Atmosphäre schnuppern und Monumentalität bewundern – die wesentlichen Geheimnisse dieser Seebühne mit ihrem komplizierten Innenleben aus Light-Design, komplizierter Hydraulik und Raumton dagegen bleiben so verschlossen wie das Herz der unnahbaren chinesischen Prinzessin Turandot. Das war offenbar das Motto einer Pressekonferenz der Bregenzer Festspiele am Mittwochnachmittag, als „Richtfest“ für die beteiligten 40 Firmen vor allem aus Vorarlberg aufgezogen, mit einer zünftigen Jause im Anschluss auch für die große Zahl angereister internationaler Journalisten und Kamerateams. Diese müssen sich nun eben bis zur Premiere am 22. Juli gedulden, wenn die Prinzessin ihr Herz öffnen und die Bühne ihre Effekte freigeben wird. Das Staunen und die Begeisterung über die gewaltige Skulptur, die für zwei Jahre zum Symbol der Festspiele werden wird, war dennoch schon jetzt riesengroß.

Unglaubliche Dimensionen

Auf den Tag genau drei Monate vor der mit Spannung erwarteten Neuproduktion zum Start der 70. Festspielsaison am Bodensee hat die riesige chinesische Mauer, die die Seebühne zur Kino-Breitwand macht, Dimensionen von 72 Metern Länge und 27 Metern Höhe und ein Gewicht von 335 Tonnen erreicht – ein Symbol in der Oper für äußere Macht und seelische Unnahbarkeit, das weit über die zentrale Spielfläche mit ihren 16 Metern im Durchmesser hinausragt. Die Höhe entspricht, so der Technische Direktor Gerd Alfons, immerhin einem der großen Drachenhunde in der „Zauberflöte“ der Vorjahre.

Doch die geschwungene Mauer aus tausenden Holz- und Stahlteilen, zusammengesetzt aus 650 Steinattrappen, weist im Moment noch etliche Lücken auf. Eine schwindelerregende Treppe führt rechts bis hinauf in das scherzhafterweise „Teesalon der Intendantin“ genannte rote Pavillon-Turmzimmer. Dort, wo sich dann, wenn es ernst wird, angeblich nur das Fußvolk, nicht aber die Protagonisten aufhalten sollten. Ebenso bereits zu sehen ist eine Armee von insgesamt 205 überdimensionalen Terrakotta-Kriegern, ein Teil davon vor der Bühne im Wasser stehend. Etwa sieben Millionen Euro kostet der Bühnenaufbau, finanziell aufgeteilt auf die beiden Sommer 2015 und 2016. Und ist, im langjährigen Durchschnitt, dennoch ein Schnäppchen, weil das Spiel auf dem See als „Cash-Cow“ bekanntlich die Haupteinnahmequelle der Festspiele darstellt, mit der man Gelder für andere, weniger gängige Produktionen lukriert.

Dreimal „Turandot“ inszeniert

Pressesprecher Axel Renner ist wie üblich der gewandte Moderator des gut halbstündigen Talks mit dem Leading Team in der brütend heißen Aprilsonne. Einer Versenkung im Bühnenboden entsteigen im theatralischen Kunstnebel und unter den ersten Takten von „Turandot“ Intendantin Elisabeth Sobotka und der weißbärtige Italiener Marco Arturo Marelli, der erstmals in Bregenz für Regie und Bühnenbild in einem verantwortlich zeichnet – auch eine Novität hier. Er hat äußerlich den Anschein eines gutmütigen Onkels, doch sobald er über seine Arbeit hier zu erzählen beginnt und dabei ins Schwärmen gerät, merkt man, dass dieser Mann es faustdick hinter den Ohren hat, dass man ihm sehr viel zutrauen kann. Er zeigt sich absolut vertraut mit jedem Detail dieser Oper, hat er doch „Turandot“ bereits drei Mal inszeniert – zuletzt am Opernhaus Graz während der dortigen Intendanz von Elisabeth Sobotka.

Marelli zeigt sich spontan begeistert von dem, was da aus seiner Fantasie heraus mit vielen Entwürfen und Besprechungen Realität geworden ist. Speziell lobt er den Umgang mit den Technik-Mitarbeitern in Bregenz, der von großem gegenseitigen Respekt geprägt war: „Das Ganze ist sehr komplex und kompliziert“, wiederholt er ein ums andere Mal. „Wind, Wasser, Hochwasser – alles wird genau geprüft auf Sicherheit, es ist ein Geben und Nehmen um sehr viele Details, die in einer solchen Situation eben möglich sind oder nicht. Es waren zwei unglaublich schöne Jahre der Zusammenarbeit hier und ein Glück für mich!“

Eigentlich ein persisches Märchen

Wo kam die Inspiration her, was soll diese Bühne darstellen? Marelli: „Man muss bei ‚Turandot‘ natürlich aufpassen, dass man nicht in den Kitsch von Chinarestaurants verfällt. Das ist eine große Gefahr!“ Zustimmendes Gelächter bei den Journalisten. Dann eine kleine Geschichtsstunde: „Das zugrunde liegende Märchen ist ja eigentlich gar nicht chinesisch, sondern persisch. Doch das Stück wurde durch eine geografische Unkenntnis vom Märchendichter nach Peking versetzt, und so haben wir hier nun eben diese chinesische Mauer, ein exotisch-erotisches Wunschbild, eine Ahnung von wunderbaren Dingen. Sie bricht natürlich auf, das zeigen wir aber heute natürlich noch nicht!“ Und dann erzählt Marelli noch mit einem Augenzwinkern von den zwei Seelen in seiner Brust, als Bühnenbildner und als Regisseur, der diese Skulptur mit sprühendem Leben erfüllen möchte und dabei oft mit sich selber, seinen Gedanken und Vorstellungen, in einen spannenden Dialog gerät. Man kann sich gut vorstellen, wer von beiden letztlich gewinnen wird.

Intendantin Elisabeth Sobotka erinnert sich an einen Novembertag vor zweieinhalb Jahren, als sie zusammen mit Marelli auf der Tribüne saß und dieser unter dem Eindruck des besonderen Ortes zusagte: „Ja, ich kann mir vorstellen, hier wirklich ‚Turandot‘ zu machen.“ Für Sobotka ist es ein „grandioses Bühnenbild“ und die Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Werkwahl: „Am Anfang habe ich hier bei meinem Team ein gewisses Zögern verspürt, weil die erste Bregenzer ‚Turandot‘ 1979 ja nicht so ein Erfolg war. Diese Bedenken sind inzwischen verflogen, und es ist ja auch enormes Interesse für unsere aktuelle Deutung des Werkes spürbar.“ Dies zeigt sich auch an konkreten Fakten. Inzwischen wurde die Zahl der Vorstellungen auf 26 aufgestockt, von den 176.000 Tickets sind bereits jetzt mehr als 100.000 oder 60 Prozent verkauft. Mit den Bauarbeiten liegt man zeitlich und technisch genau im Plan, Probenbeginn am See ist in sieben Wochen.

 

Karten und Informationen: www.bregenzerfestspiele.com

Gewaltige Dimensionen weist die zentrale chinesische Mauer auf der Bregenzer Seebühne auf, besonders eindrücklich aus der Vogelperspektive.

Gewaltige Dimensionen weist die zentrale chinesische Mauer auf der Bregenzer Seebühne auf, besonders eindrücklich aus der Vogelperspektive.

Der Italiener Marco Arturo Marelli ist erstmals in Bregenz bei einer Seeproduktion tätig, in Personalunion als Bühnenbildner und Regisseur.

Der Italiener Marco Arturo Marelli ist erstmals in Bregenz bei einer Seeproduktion tätig, in Personalunion als Bühnenbildner und Regisseur.

 Groß war der Andrang internationaler Medienvertreter am Mittwoch bei der als Richtfest aufgezogenen Pressekonferenz am Ort des Geschehens.

Groß war der Andrang internationaler Medienvertreter am Mittwoch bei der als Richtfest aufgezogenen Pressekonferenz am Ort des Geschehens.

Mit Herzklopfen sieht die neue Intendantin der Festspiele, Elisabeth Sobotka, in ihrer ersten Saison in Bregenz der Premiere von „Turandot“ entgegen.

Mit Herzklopfen sieht die neue Intendantin der Festspiele, Elisabeth Sobotka, in ihrer ersten Saison in Bregenz der Premiere von „Turandot“ entgegen.

Sujet des Spiels auf dem See 2015 und 2016 mit der Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini. (Fotos: Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis, Karl Forster)

Sujet des Spiels auf dem See 2015 und 2016 mit der Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini. (Fotos: Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis, Karl Forster)

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  • Gewaltige Dimensionen weist die zentrale chinesische Mauer auf der Bregenzer Seebühne auf, besonders eindrücklich aus der Vogelperspektive. Gewaltige Dimensionen weist die zentrale chinesische Mauer auf der Bregenzer Seebühne auf, besonders eindrücklich aus der Vogelperspektive.
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