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27.08.2022 |  Michael Löbl

Gustav Mahlers Lied von der Erde bei der Schubertiade

Ein ungewöhnliches Konzert fand am Donnerstagabend im Rahmen der Schubertiade Schwarzenberg statt. Kein Schubert weit und breit, keine Pause und nach etwas über einer Stunde war alles bereits wieder vorbei. Auf dem Programm stand "Das Lied von der Erde", ein sechsteiliger Zyklus für zwei Stimmen und großes Orchester von Gustav Mahler. In Schwarzenberg hörte man Mahlers eigene Fassung für Klavier, Tenor und Mezzosopran.

Kulturelle Aneignung?

Der Text, eine Sammlung chinesischer Gedichte aus dem achten Jahrhundert, war allerdings keine Neuübersetzung, vielmehr hat sich der Herausgeber Hans Bethge von bereits bestehenden Übersetzungen inspirieren lassen und auch Mahler hat den Text weiter verändert und seinen musikalischen Vorstellungen angepasst. Es handelt sich also durchaus um originale chinesische Lyrik, wenn auch aus dritter Hand. Auf der Fahrt über das Bödele hörte ich im Radio ein hochinteressantes Interview mit einem Wissenschaftler der ETH Zürich über das derzeit heiß diskutierte Thema „Kulturelle Aneignung“. Betrifft das etwa auch das kommende Konzert? Sind die von Mahler vertonten Gedichte ein Fall von „Kultureller Aneignung“? Chinesische Gedichte, von weißen Männern mehrmals bearbeitet und vertont?

Eine vokale Herausforderung

Die Zeit der Komposition war von schweren Schicksalsschlägen geprägt. Gustav Mahler war im Streit als Direktor der Wiener Hofoper zurückgetreten, seine ältere Tochter starb ganz plötzlich an Diphterie, Mahlers Frau Alma erlitt daraufhin einen Zusammenbruch und bei Mahler selbst wurde ein Herzklappenfehler diagnostiziert und ein unterschriebener Vertrag als Dirigent der Metropolitan Opera in New York lag in der Schublade. Mahler hat sein Werk nie gehört, die Uraufführung fand erst ein halbes Jahr nach dem Tod des Komponisten statt.
Aufführungen dieses Werkes sind nicht ganz unproblematisch. Während der Mezzo für die drei leisen, langsamen Teile zuständig ist, muss der Tenor fast durchgehend in einer extrem unangenehmen hohen Lage gegen das Mahlersche Riesenorchester ansingen. Der Arme hat daher nur die Wahl zwischen Pech und Schwefel, nämlich entweder zu brüllen oder aber unhörbar zu bleiben. Was hat sich Gustav Mahler, der erfahrene Dirigent und Meister der Instrumentation, dabei gedacht?
Pavol Breslik, der weltweit gefragte lyrische Mozart- und Belcanto-Tenor, hat sich in diesem Fall für die erste Variante entschieden, und das obwohl gar kein Orchester auf der Bühne zu sehen ist und es sich beim Angelika-Kauffmann-Saal auch nicht um eine riesige Halle handelt. Bereitet er etwa einen Wechsel ins Wagner-Fach vor? Will er dem Publikum zeigen, wie weit er seine Stimme treiben kann? Das müsste er gar nicht, im Piano klingt alles wunderbar rund und geschmeidig. Aber bevor allgemeine Entspannung aufkommen kann, geht es wieder in die kritische Höhenlage, in der sich Breslik sogar ab und zu durch einen Falsettton retten muss. Vom Text bekommt man leider auch nur wenig mit.
Violeta Urmana hat solche Probleme nicht. Mahler hat dem Mezzosopra einen glitzernden, zarten Orchesterteppich ausgebreitet, der auch in der Klavierfassung erkennbar bleibt. Dafür muss sie aber viel mehr singen als ihr männlicher Kollege, allein das letzte Lied „Der Abschied“ ist genauso lange wie alle fünf anderen Teile davor. Hat man sich erst einmal an
Violeta Urmanas weites, langsames Vibrato gewöhnt, überzeugt sie durch ihre reife, intensive Gestaltung mit samtiger Tiefe und Mittellage.

Ein Flügel als Orchester

Der kanadische Pianist Marc-André Hamelin gilt als der Mann fürs technisch unspielbare. Bei Mahlers sperriger Klavierfassung beißt sich aber sogar ein Meister wie er die Zähne aus. Zwar versuchte er, möglichst viel an orchestralen Klangfarben aus dem Steinway herauszukitzeln, aber auch hier setzte ihm der Flügel deutliche Grenzen. Schmerzlich vermisste man die langen Soli der Oboe, die Klarinetten, die Flöte und das Piccolo, die vielen Farben von Blechbläsern, Celesta, Mandoline und Schlaginstrumenten. Schnell wiederholte Noten in den Streichern und vor allem Staccato-Tonrepetitionen bei den Bläsern können auf einem Tasteninstrument nur als Tremolo verwirklicht werden. Leider verwendet Mahler diese Effekte oft, und so denkt man recht bald einmal an eine Klingel, die sich immer wieder unkontrolliert in Szene setzt.
Gustav Mahler hat seine eigene Klavierfassung nie autorisiert. Auch im Zuge der Veröffentlichung der Orchesterpartitur beim Verlag Universal Edition wurde sie nicht berücksichtigt, Mahler hat sogar ganz dezidiert die Herstellung eines neuen Klavierauszuges durch den Komponisten Josef von Wöss beim Verlag bestellt. Der diente allerdings mit Sicherheit nur zu Studien- und nicht zu Aufführungszwecken.


www.schubertiade.at

Pavol Breslik, der weltweit gefragte lyrische Mozart- und Belcanto-Tenor nahm die vokale Herausforderung des Mahler Werks an © Schubertiade Gmbh

Pavol Breslik, der weltweit gefragte lyrische Mozart- und Belcanto-Tenor nahm die vokale Herausforderung des Mahler Werks an © Schubertiade Gmbh

Violeta Urmana überzeugte durch ihre reife, intensive Gestaltung mit samtiger Tiefe und Mittellage © Schubertiade Gmbh

Violeta Urmana überzeugte durch ihre reife, intensive Gestaltung mit samtiger Tiefe und Mittellage © Schubertiade Gmbh

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  • Pavol Breslik, der weltweit gefragte lyrische Mozart- und Belcanto-Tenor nahm die vokale Herausforderung des Mahler Werks an © Schubertiade Gmbh Pavol Breslik, der weltweit gefragte lyrische Mozart- und Belcanto-Tenor nahm die vokale Herausforderung des Mahler Werks an © Schubertiade Gmbh
  • Violeta Urmana überzeugte durch ihre reife, intensive Gestaltung mit samtiger Tiefe und Mittellage © Schubertiade Gmbh Violeta Urmana überzeugte durch ihre reife, intensive Gestaltung mit samtiger Tiefe und Mittellage © Schubertiade Gmbh