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23.02.2020 |  Peter Bader

Heartbeat: Faszinierender European Jazz in der Spielboden-Kantine

Am Donnerstagabend debütierte die deutsch-österreichische Formation Heartbeat in neuer Besetzung im gut besuchten Dornbirner Spielboden.

Die Spielboden-Kantine war gut besucht, als Florian King - seines Zeichens Bassist und Mastermind der Formation - mit seinen Musikern die Bühne betrat. Der Auftrittsapplaus war etwas zurückhaltend, was King charmant und selbstironisch kommentierte: „Wir sind wirklich die Band.“ Und: „Der Applaus ist noch ein bisschen verhalten. Wir üben jetzt mal, die Band mit frenetischem Applaus zu begrüßen, denn frenetischen Applaus sind wir gewohnt.“ Schmunzeln im Publikum und enthusiastischer Beifall waren die Folge. Dann stellte King die Gruppe vor: Winnie Brückner: Vocals, Electronics; Herbert Walser: Trompete, Horn, Electronics; Christian Krischkowsky: Schlagzeug, Percussion und Andreas Krennerich: Sopran- und Bariton-Saxophon.  Weiters  begrüßte King besonders seine Schüler vom Dornbirner Jazzseminar.

Zwei Sets mit großer stilistischer Bandbreite

Schon die erste Nummer des Abends, „Flosophie“, eine beschauliche Komposition Kings, machte das Konzept der Band klar: große stilistische und klangliche Bandbreite, Musik, die sich um keine musikalischen Grenzen schert. Ein langes Kontrabass-Intro, dann berückend-schöner Gesang auf Silbenbasis - ohne Text, Trompete und Sopransaxophon geführt in notierten Unisono-Linien, quasi-kontrapunktischen Gegenstimmen, aber auch  homophoner Zweistimmigkeit, die für den harmonischen Background sorgte, ein dezentes Schlagzeug. Spannende Musik, die dem Prinzip structure and freedom folgt: Nach der Vorstellung der diversen notierten Themen treten die Musiker ein in (kollektive) Improvisations-Räume, in denen sich jedes Band-Mitglied frei entfalten kann, um dann, on cue, wieder zu den Anfangs-Themen zurückzukehren. Das ist musikalische Interaktion und Jazz-Praxis in Reinkultur. 

Pedalboards und Electronics

Der Deutsche Florian King hatte ein gut ausgestattetes Pedalboard vor sich liegen, von dem er auch reichlich Gebrauch machte, etwa im Stück „Basal 9“. So spielte er mit dem Fender-E-Bass einen Loop live ein und improvisierte dann - auch rein solistisch - darüber. Mit großer Ruhe entwickelte King seine Phrasen über diesem Loop-Groove, bückte sich, drehte an den Knöpfen seiner Effektgeräte und lauschte den Klängen nach. Ein Top-Musiker bei der Arbeit. 

Brückner: angenehm unprätentiöse Performance

Angenehm fiel an diesem Abend auch die Berliner Vokalistin Winnie Brückner auf. Neben Drummer Krischkowsky der zweite Neuzugang in der Band. Uneitel im Auftreten und unprätentiös in ihrer gesanglichen Performance ist sie eine große Bereicherung für die Formation. Brückner verfügt über eine schöne Stimme mit femininem Timbre und einer guten Range nach oben. Eine Stimme ohne Vibrato, die gerade deswegen unaufdringlich wirkt. Bewundernswert, mit welcher Sicherheit in Intonation und Rhythmik Brückner immer wieder ihre virtuosen Gesangslinien mit den Linien der anderen Instrumente verwob. Hier griffen die musikalischen Linien präzise ineinander, quasi-kontrapunktisch, polyphon, rhythmisch vertrackt. Die Profi-Sängerin erkannte man auch daran, wie sie mit dem Mikrofon umging: etwa größere Distanz zum Mund bei lauteren Tönen etc. Bereichernd waren auch die Nummern mit „Song-Charakter“, also jene Titel mit aussagekräftigen englischen Texten. So etwa „Zweitett“ im Dreivierteltakt oder die Ornette-Coleman-Komposition „Lonely Woman“. Letzterer Titel wurde an diesem Abend als berührendes Duett von Sängerin Brückner und Kontrabassist King gegeben. Brückner trat hier mit ihrem präzisen Gesang als Timekeeper in Erscheinung.

„Odd Meters“ und Schichten

Nach der Pause eröffnete der Vorarlberger Trompeter und Hornist Herbert Walser das zweite Set. Beim Eröffnungs-Titel „Jeli“ bediente sich auch Walser der Elektronik. Über einen Loop entwarf er eine sehr melodiöse Improvisation, in die sich die anderen Musiker nach und nach einklinkten. Die Komposition ist ein Beispiel für „Odd Meters“: die von vielen Musikern gefürchteten ungeraden Taktarten. Die Komposition wirkte aber so organisch, dass die Schwierigkeit dieses musikalischen Prinzips nicht auffiel.
Der Titel „Schichten“ gibt wohl Auskunft über die kompositorische Verfahrensweise: polytonal angelegt, schoben sich hier die musikalischen Ebenen übereinander. Und: In diesem Stück arbeitete auch Brückner mit Electronics; so bediente sie geschickt das kleine Effektgerät vor sich auf dem Stativ und erzeugte Vocoder-Klänge. 

Messiaen-Skalen

Der Stuttgarter Andreas Krennerich am Sopran- und Bariton-Saxophon realisierte an diesem Abend Improvisationsideen, die sich unter anderem der Beschäftigung mit dem Skalenmaterial von Olivier Messiaen verdanken. Hochkomplexe Gedankengebäude, die den Forscher auf dem Gebiet der Komposition und der Skalen erkennen ließen. Immer wieder begeisterter Applaus!

Der neue Mann am Schlagzeug

Mit dem ausgezeichneten Ulmer Schlagzeuger Christian Krischkowsky hat Florian King einen weiteren Wunschkandidaten in seine Band geholt. Große Musikalität, perfektes Timing, keine Temposchwankungen, banddienliches Spiel, zupackend, wenn es gefordert wurde. Ein Klangmaler auf seinem Instrument mit einem perfekt auf die Band abgestimmten Drumsound. Chapeau!

European Jazz

Florian King hat hier wohl seine Traum-Formation gefunden, mit der er seine Vorstellung eines „europäischen Jazz“ umsetzen kann. Diese ganz spezielle Ausformung des Jazz versteht King als geprägt vom großen Label ECM. Eine Spielart des Jazz, die nach allen Seiten offen ist und sich eingliedert in die wichtigen Strömungen zeitgemäßer Musik. Im Gespräch erfährt man: King reflektiert alle Musikkulturen wie klassische, spätromantische, Barock-, Pop-, Rock- und elektronische Musik, besonders skandinavisch und afrikanisch geprägten Jazz. Es geht ihm vor allem um eine innere Haltung, um den Ausdruck tiefer emotionaler Zustände und die Vermittlung dieser. Und um seine Liebe zur improvisierten Musik.
Zwei bejubelte kurzweilige Sets! Eine Zugabe: „Far away so close“ 

Heartbeat: europäischer Jazz

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Andreas Krennerich: ein Klangforscher auf Messiaens Spuren

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Winnie Brückner: eine angenehm unprätentiöse Vokalistin

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Florian King: Liebe zur improvisierten Musik

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