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03.10.2022 |  Michael Löbl

Nine o'Clock Tea – Auftakt zum neuen Zyklus der Bregenzer Meisterkonzerte

Das Festspielhaus wird nach 2005 nun bereits zum zweiten Mal umgebaut und erweitert, darum finden die ersten beiden Konzertprogramme der Bregenzer Meisterkonzerte in der Werkstattbühne statt, und das – um alle Abonnenten an einem Abend unterbringen zu können – in zwei Etappen um 18 und um 21 Uhr. Kurz vor neun begegnet man an der Bar noch einigen Besucherinnen und Besuchern des ersten Termins; sie sind begeistert und sprechen in Superlativen.

Zum Auftakt „Drei Couperin-Studien" des englischen Star-Komponisten Thomas Adès. Komponisten aller Epochen haben sich immer schon bei lange verstorbenen Kollegen bedient und deren Werke bearbeitet. Thomas Adès verwendet Stücke von Francois Couperin für sein Orchesterwerk. Diese Musik tut niemandem weh, es gibt kürzere aber auch längere Anklänge an den großen Meister der französischen Barockmusik, zwar keinerlei Höhepunkte aber durchaus reizvolle Klangmischungen. Als Eröffnungsstück sind die „Drei Couperin-Studien" allerdings gänzlich ungeeignet.

Eine beeindruckende Leistung

Im Anschluss daran hätte man beinahe eine Grundregel des Konzertbetriebes verletzt. Sie besagt, dass ein Bühnenumbau niemals länger dauern darf als das ihm vorausgegangene Stück. Trotz tatkräftiger Mithilfe mehrerer Orchestermusiker war das diesmal knapp, diente allerdings einem höheren Zweck. Nachdem die Bühne von Stühlen und Notenpulten befreit war, konnte man ahnen, dass sich nun sensationelles ereignen wird: Hector Berlioz‘ berühmte, fünfzig Minuten lange „Symphonie fantastique“ soll vom kompletten Orchester stehend und vor allem auswendig gespielt werden!
Das ist wirklich eine singuläre, außergewöhnliche und beeindruckende Leistung. Dazu muss man wissen, dass die Truppe das nicht nur zum Spaß macht. In London gab es unter dem Titel „The Orchestral Theatre" mehrere Aufführungen, in denen das Stück in einer choreographierten, inszenierten Version mit Kostümen, Masken und aufwendiger Lichtregie präsentiert wurde. Auswendigspielen war da die Grundvoraussetzung, um dieses Konzept umzusetzen. Allerdings ist diese Fassung nicht tourneetauglich, so kann man nur noch Teile daraus erkennen, so zum Beispiel wenn die beiden Harfen oder die vier Fagotte vor dem Orchester postiert werden.

Neue Freiheit?

Gewinnt man als Musiker durch das Auswendigspielen jetzt eine neue Freiheit, weil die Noten nicht mehr als Hindernis zwischen Musiker, Dirigent und der Musik stehen oder aber verliert man Freiheit, weil man in ständiger Angst lebt, bloß den Faden nicht zu verlieren? Das mit sehr jungen Musikerinnen und Musikern besetzte Aurora Orchestra wirkte jedenfalls ausgesprochen souverän und hatte offensichtlich keinerlei Stress. Bewundernswert vor allem jene Instrumentengruppen, die nicht die ins Ohr gehenden Melodien, sondern in erster Linie Begleitfiguren zu spielen haben.
Der Dirigent Nicholas Collon hat das Aurora Orchestra vor 17 Jahren in London gegründet. Es versteht sich als Gegenpol zum gängigen Konzertleben und entwickelt experimentelle Projekte und ausgefallene Konzertformen. Eine davon ist die Aufführung großer Werke „by heart", also auswendig. Und da gab es schon einige, unter anderem Brahms erste und Schostakowitschs neunte Symphonie. Nicholas Collon hat übrigens bereits einige Wochen seines Lebens in Bregenz verbracht: 2007 war er musikalischer Assistent bei einer Produktion der Bregenzer Festspiele und zwei Mal leitete er das Symphonieorchester Vorarlberg, 2009 in einem Abonnementkonzert und 2011 bei einem Portraitkonzert der englischen Komponistin Judith Weir im Rahmen der Festspiele.

Idée fixe

Was wurde und wird nicht schon alles über die „Symphonie fantastique“ geschrieben: Begründung der Programmmusik, musikalisches Drama mit opernhaften Zügen, neue Maßstäbe in der Instrumentation, Manifest des romantischen Narzissmus, emotionale Achterbahnfahrt. Hector Berlioz hatte sich in dieser Zeit obsessiv in eine englische Schauspielerin verliebt, der er außerhalb der Bühne nie begegnet ist. Er entwickelt eine Zwangsvorstellung, eine „Idée fixe", die er auch zum Hauptthema seiner „Symphonie fantastique“ macht und die in allen fünf Sätzen in verschiedenen Formen wiederzufinden ist. Berlioz Protagonist, ein fiktiver Künstler, durchlebt verschiedene Szenen, in denen seine Angebetete und die „Idée fixe“ zentrale Themen sind. Er unternimmt einen Selbstmordversuch mit Opium, die Dosis ist aber zu schwach, und seine Visionen verwandeln sich in Alpträume.
Nicholas Collon und das Aurora Orchestra spielten unglaublich sensibel, klangschön, mit herrlichem Piano der Streicher – leider oft aber auch viel zu gediegen und gepflegt. Alles Zarte, Lyrische gelang ihnen außergewöhnlich gut, wenn es dann aber ungebändigt und auch mal laut zugehen müsste, bleibt alles wohlklingend und seltsam distanziert. Die rauschhafte Ballszene klang eher wie ein Nine-O'Clock Tea, und man musste wirklich bis zum Schluss des letzten Satzes warten, um im Hexensabbat den vom Komponisten geforderten musikalischen Wahnsinn mitzuerleben.

Standing Ovations

Das liegt natürlich auch an der doch eher kleinen Orchesterbesetzung mit nur zwölf ersten Violinen, was zwar die Detailgenauigkeit begünstigt, den großen Wumms aber vermissen lässt. Technisch spielt das Orchester brillant, es verfügt über herausragende Solisten und Solistinnen, speziell zu nennen wären der erste Klarinettist und das wunderbar gestaltete Englischhornsolo im langsamen Satz.
Das Publikum ließ sich vom „Dies Irae“ und dem knalligen Finale anstecken und belohnte Orchester und Dirigent mit Standing Ovations – zweifellos verdient, denn dieses Stück derart souverän auswendig aufzuführen, ist eine erstaunliche Leistung

www.bregenzermeisterkonzerte.at
www.auroraorchestra.com

 Seit 17 Jahren leitet Nicholas Collon das Londoner Aurora Orchestra. (© Mark Allan)

Seit 17 Jahren leitet Nicholas Collon das Londoner Aurora Orchestra. (© Mark Allan)

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  •  Seit 17 Jahren leitet Nicholas Collon das Londoner Aurora Orchestra. (© Mark Allan) Seit 17 Jahren leitet Nicholas Collon das Londoner Aurora Orchestra. (© Mark Allan)