Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

01.11.2022 |  Anita Grüneis

TAK Vaduzer Weltklassik Konzerte: ein Beethoven-Abend voller Dynamik, Wucht und Zartheit

Die TAK Vaduzer Weltklassik Konzerte versprachen einen Konzertabend ganz im Zeichen Beethovens unter der Leitung eines der interessantesten skandinavischen Dirigenten. Es wurde weit mehr als das. Dafür sorgten nicht nur das Deutsche Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste, sondern auch der Ausnahmegeiger Timothy Chooi und natürlich vor allem die gigantischen Werke von Ludwig van Beethoven.

Den Beginn machte allerdings das Werk eines Zeitgenossen: der 1932 geborene russische Komponist Rodion Shchedrin schrieb das sinfonische Fragment „Beethovens Heiligenstädter Testament“, ein Auftragswerk, das am 18. Dezember 2008 in der Münchner Philharmonie in Gasteig uraufgeführt wurde. Es bietet Einblicke in die Zerrissenheit, die Beethoven gespürt haben mochte, als ihm seine voranschreitende Taubheit bewusst wurde. „Und doch fand er die Kraft zum Leben und begann an seiner Dritten Symphonie zu arbeiten“, schreibt Shchedrin, der sich in seinem Werk an Beethovens „Eroica“ orientierte. In der Interpretation des Deutschen Sinfonieorchesters Berlin DSO waren sowohl die schmerzhaften Momente des Bewusstwerdens als auch die Akzeptanz und die damit verbundene Versöhnlichkeit zu spüren. Dirigent Jukka-Pekka Saraste führte die Musikerinnen und Musiker mit äußerster Ruhe, seine rechte Hand mit dem Taktstock schien ihnen die Richtung zu zeigen, mit seiner linken Hand holte er sich die Musik, die er vom Orchester hören wollte. Der 66-jährige Finne blieb in seiner Führung stets gelassen, als wolle er dem Orchester den ganzen Raum zum Spielen geben. Jukka-Pekka Saraste wird übrigens im Sommer nächsten Jahres sein Amt als neuer Chefdirigent und Künstlerischen Direktor des Helsinki Philharmonic Orchestra antreten. 

Ein Violinkonzert voller Lyrik

Doch zurück in den Vaduzer-Saal. Nach dem furiosen Einstieg mit dem zeitgenössischen Werk, folgte ein berühmter Klassiker: Beethovens Violinkonzert in D-Dur op. 61. Ein Werk, das Dirigent Jukka-Pekka Saraste in seiner professionellen Musikerlaufbahn als Geiger bestens gekannt haben mag. An diesem Abend hatte der 29-jährige Kanadier Timothy Chooi den Solopart übernommen und setzte mit seiner Interpretation einen Höhepunkt. Der junge Musiker spielt Geige seit er drei Jahre alt war, sein Bruder Nikki ist ebenfalls Violinist, die beiden traten bereits als Chooi-Brothers auf. Dabei musiziert Timothy alleine schon so virtuos, als würde er zwei Geigen zugleich spielen, was sich vor allem bei den Kadenzen zeigte. Der Ausnahmegeiger spielte auf einer Stradivari, doch nicht nur der Klang dieses Instruments betörte, es war die Innigkeit, mit der Timothy Chooi das Werk Beethovens interpretierte. Dabei wurde er feinfühlig begleitet von Dirigent Jukka-Pekka Saraste, der mit seinem Orchester jene Spannung aufbaute, die das gesamte Werk durchzieht. Nach den immer wiederkehrenden fünf gleichen pochenden Tönen ließ Chooi aus der Tiefe die Klänge seiner Solovioline emporsteigen und schwang sich mit ihr in höchste Lagen auf. Während die Geigentöne einen schwebenden Gesang bildeten, erdete das Orchester die Themen und setzte imposante Markierungen. Doch immer wieder gelang es der Geige, mit unendlich zarten und lieblichen Tönen abzuheben. Timothy Chooi spielte stets extrem differenziert, achtete genau auf das Orchester und schien mit dem Dirigenten zu atmen. Die Tempi blieben zügig, ohne dass die Innerlichkeit verloren gegangen wäre. Das Publikum reagierte enthusiastisch auf dieses Konzert und so blieb es nicht aus, dass eine Zugabe erfolgte: Timothy Chooi wählte ein Andante von J.S. Bach.

Eine machtvolle Eroica

Nach der Pause folgte ein weiterer Klassiker. Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 Es-Dur Op. 55 „Eroica“. Damit schloss das Konzert die Klammer zum Beginn – denn auch in Shchedrins Werk waren bereits Anklänge an diese Sinfonie enthalten. Jukka-Pekka Saraste brauchte keine Noten, um dieses Werk zu dirigieren. Es schien aus ihm herauszuströmen und so führte er das DSO mit äußerster Konzentration, blieb dabei jedoch stets gelassen und souverän. Auf der Bühne walteten entfesselte Naturkräfte, doch nie wurden die Klänge ausufernd breit, sie blieben immer messerscharf in ihrer Präzision. So rasant wie der erste Satz, so ausladend und manchmal gar verträumt geriet der zweite Satz, gleichzeitig wurde die Macht des immer wiederkehrenden Themas deutlich. Alles war Dynamik, Bewegung, Vision. Bis zum Schluss hielt das Orchester die Balance zwischen Lyrik und machtvoller Demonstration. Der Vaduzer-Saal wurde durch die Wucht der Klänge fast gesprengt. Das Publikum applaudierte begeistert und verließ den Saal mit dem Bewusstsein, dass der vor fast 200 Jahre verstorbene Beethoven mit seinen Werken auch heute noch äußerst lebendig ist. 

www.tak.li
Jukka-Pekka Saraste (jukkapekkasaraste.com)
Timothy Chewy (timothychooi.com)
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (dso-berlin.de)

Dirigent Jukka-Pekka Saraste und der Solist Timothy Chooi beim Schlussapplaus nach Beethovens Violinkonzert.

Dirigent Jukka-Pekka Saraste und der Solist Timothy Chooi beim Schlussapplaus nach Beethovens Violinkonzert.

Jukka-Pekka Saraste dirigiert mit Gelassenheit. (© Felix Broede)

Jukka-Pekka Saraste dirigiert mit Gelassenheit. (© Felix Broede)

Ein ungestümer und zugleich lyrischer Geiger: Timothy Chooi. (© Den Sweeney)

Ein ungestümer und zugleich lyrischer Geiger: Timothy Chooi. (© Den Sweeney)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Dirigent Jukka-Pekka Saraste und der Solist Timothy Chooi beim Schlussapplaus nach Beethovens Violinkonzert. Dirigent Jukka-Pekka Saraste und der Solist Timothy Chooi beim Schlussapplaus nach Beethovens Violinkonzert.
  • Jukka-Pekka Saraste dirigiert mit Gelassenheit. (© Felix Broede) Jukka-Pekka Saraste dirigiert mit Gelassenheit. (© Felix Broede)
  • Ein ungestümer und zugleich lyrischer Geiger: Timothy Chooi. (© Den Sweeney) Ein ungestümer und zugleich lyrischer Geiger: Timothy Chooi. (© Den Sweeney)