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11.08.2021 |  Silvia Thurner

Traumwandlerisch wach im Garten der Lüste – das Vokalensemble „The Present“ zog die Zuhörenden im Kunsthaus Bregenz in seinen Bann

Als Einstimmung für die bevorstehende Uraufführung der Oper „Wind“ von Alexander Moosbrugger bei den Bregenzer Festspielen führte das Vokalensemble „The Present“ mit Hanna Herfurtner und Olivia Stahn (Sopran), Amélie Saadia (Alt), Tim Karweick (Tenor) und Felix Schwandtke (Bass) mit dem Lautenisten Lee Santana lustvoll in einen musikalischen Garten, in dem vieles begeisterte, beispielsweise die atemberaubende Gesangstechnik des Vokalensembles, die organische Verbindung von Musik der Renaissance und der Gegenwart sowie die Uraufführung „Velos Lilas“ des amerikanisch-deutschen Komponisten Sidney Corbett.

Das Buch „Hypnerotomachia Poliphili“ von Francesco Colonna ist 1499 in Venedig erschienen. In kunstvoll verwobenen und mit 172 Holzschnitten illustrierten Bildern wird darin von einem Traum des Poliphilo erzählt. Gleichzeitig beinhaltet der Roman aber auch vielgestaltige Architekturbeschreibungen. Insofern passte die Werkauswahl, die „The Present“ ihrem Konzert im KUB zugrunde legte, hervorragend zu dieser Geschichte. Denn die Kantaten der Renaissancekomponisten Cipriano di Rore, Antoine Gardane, Clément Janequin, Luca Marenzio sowie Carlo Gesualdo und Claudio Monteverdi führten auf unterschiedlichen musikalischen Wegen durch den Garten. Das Vokalensemble faszinierte durch die große Bühnenpräsenz und die virtuose Vokalkunst, die den Sängerinnen und Sängern keine Grenzen zu setzen schienen. So erklangen die Darbietungen sehr klar intoniert und perfekt ausbalanciert. Aufhorchen ließen beispielsweise das amüsante Werk „Le chants des oiseaux“ und die fließenden Stimmverwebungen in „S’io non miro“ von Carlo Gesualdo sowie die mit drängendem Duktus vorgetragene Arie „Zefiro torna“ von Claudio Monteverdi, um nur ein paar Highlights zu nennen. Lee Santana an der Laute und E-Gitarre bot dem Vokalensemble einen feinen Continuo bzw. eine gute Begleitung und spielte eine abwechslungsweise Eigenkomposition mit dem vielsagenden Titel „Sweet Chili Avocado“.

Expressive musikalische Textdeutungen

„Velos Lilas“ nannte Sidney Corbett die drei Madrigale über Gedichte von Delmira Agustini. Hanna Herfurtner, Olivia Stahn (Sopran) und Amélie Saadia (Alt) belebten die expressive Musik mit enormer Gestaltungskraft und brachten die zwischen Erotik und Tod aufgeladene Poesie der lateinamerikanischen Lyrikerin hervorragend zur Geltung. In höchsten Lagen hat der Komponist den Text von „Ofrendando el Libro“ interpretiert und mit übermäßigen Tonsprüngen, imitierenden und kaskadenförmig geführten Passagen zusätzliche Spannung eingebaut. Die Soli der Sängerinnen in „Otra estirpe“ unterstrichen den musiktheatralischen Charakter der Madrigale. Im dritten Lied „Una chispa“ mit signalartigen, rhythmisch komplex verzahnten Motiven sowie mikrotonalen Glissandi setzten die drei Sängerinnen die Dramatik der „wilden Träumerei“ mitreißend in Szene.
Die Akustik im Foyer des Kunsthauses bot perfekte Bedingungen für die Vokalwerke. Organisch wirkte die Verbindung von Alter und Neuer Musik. Lediglich Wolfgang Heinigers humorvoll schrille „Tombola“ fiel aus dem Rahmen. In Erinnerung blieb auch das a capella Werk „Blumenstudien“ von Lucia Ronchetti, in dem das Wachstum einer Pflanze, stets mehr Klangraum einnehmend, eindrücklich entfaltet wurde. Catherine Lambs „Pulse/Shade“ interpretierte das Vokalensemble bereits bei seinem Auftritt im vergangenen Jahr. Auch bei der Darbietung im Rahmen des Programmes „Durch den Garten mit…“ zogen die in sich driftenden Klänge mit den changierenden Vokalfärbungen die Zuhörenden in ihren Bann.

Das Foyer im Kunsthaus Bregenz bot akustisch und atmosphärisch ideale Voraussetzungen für die Vokalkünstlerinnen und -künstler des Ensembles "The Present" und den Lautenisten Lee Satana. Foto: Anja Köhler

Das Foyer im Kunsthaus Bregenz bot akustisch und atmosphärisch ideale Voraussetzungen für die Vokalkünstlerinnen und -künstler des Ensembles "The Present" und den Lautenisten Lee Satana. Foto: Anja Köhler

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