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21.04.2022 |  Silvia Thurner

Zwischen den Zeiten – die Camerata Musica Reno gestaltete ein faszinierendes Komponistenporträt von Paul Hindemith

Am Osterwochenende versammelte der Dirigent und Orchestergründer Tobias Grabher zahlreiche herausragende Musikerpersönlichkeiten und präsentierte im Rahmen der dritten Produktion der Camerata Musica Reno ein sehr anspruchsvolles Programm mit Werken von Paul Hindemith. Das Konzert im Theater Kosmos imponierte in mehrerlei Hinsicht. Am meisten begeisterte der Bratschist Fridolin Schöbi, der als Solist Hindemiths Bratschenkonzert „Der Schwanendreher“ interpretierte. Tobias Grabher hat eine hervorragende Werkauswahl getroffen und die Musiker:innen mit konzentriertem Dirigat geleitet. Sämtliche Orchestermusiker:innen faszinierten durch ihre emotionsgeladene Spielart und Augustin Jagg trug erhellende Passagen aus Rezensionen, Tagebuchnotizen und Briefen von und über Paul Hindemith vor.

Der deutsche Komponist Paul Hindemith war zu seinen Lebzeiten als Komponist, Bratschist und Dirigent viel beachtet. Doch die Nationalsozialisten diskreditierten den Komponisten und setzten seine Werke auf die Liste der entarteten Kunst. Später geriet Hindemith zwischen die Stühle der musikalischen Avantgarde, deren Vertreter seinem Bemühen um eine Erneuerung der Tradition nichts abgewinnen konnten und die Musik als restaurativ schubladisierten. Heutzutage wird die Musik von Paul Hindemith oft verkannt. Diesen Kategorisierungen wirkten Tobias Grabher und die Camerata Musica Reno mit einer klugen Werkauswahl und beeindruckenden Werkdeutungen aufschlussreich entgegen.

Ausdrucksstarker Solist

„Der Schwanendreher“ lautet der Titel des Konzertes nach alten Volksliedern für Viola und kleines Orchester. Den Solopart spielte der Bratschist Fridolin Schöbi und sogleich mit der einleitenden Passage zog er die Zuhörenden in seinen Bann. Er musizierte mit einer bewundernswert differenzierten Tongebung auch die zahlreichen Doppelgriffe und gestaltete die musikalischen Linien exakt und emotionsgeladen. Das in tiefer Instrumentation erklingende Orchester wirkte als Partner des Solisten präsent. Tobias Grabher leitete die Musiker:innen, indem er sich in seinem Dirigat vorwiegend auf die rhythmische Diktion konzentrierte.

Spannend dargebotene kompositorische Stationen

Hindemiths Kammermusik Nr. 1 für zwölf Soloinstrumente beeindruckte durch die virtuose Spieltechnik der zwölf Musizierenden. Jede und jeder Einzelne spielte mit viel Eigenverantwortung und artikulierte die Linien mit motorischem Drive. So kamen die markant geführten Themen und beispielsweise der marschähnliche Duktus mit hintergründigem Humor hervorragend zur Geltung.
Von der inspirierten Spielart der Camerata Musica Reno profitierten auch die „Drei Anekdoten für Radio“. In Quintettbesetzung musizierten die Ensemblemitglieder in einem kommunikativen Austausch miteinander. So erklangen der elegische Charakter des Mittelteils sowie die virtuos ineinander verzahnte Linienführung im dritten Satz mitreißend ausgestaltet.
Die von Augustin Jagg vorgetragenen Ausschnitte aus Konzertrezensionen, Abwertungen des nationalsozialistischen Präsidenten der Reichskulturkammer Joseph Goebbels sowie aus Briefen von Paul Hindemith an und von seiner Frau Gertrud boten aufschlussreiche Einblicke in den Schaffensprozess des Komponisten und sein Wirken in äußerst kulturfeindlichen Zeiten.

Mein Missgeschick

Meine Einschätzungen der musikalischen Ausgestaltung sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie beruhen lediglich auf einer Videoaufzeichnung. Aufgrund eines Missverständnisses traf ich erst zum Schluss des Konzertes im Theater Kosmos ein und begegnete dort zahlreichen begeisterten Konzertbesucher:innen beim Verlassen des Konzertsaales.

Berichte von Wolfgang Bilgeri, Martin Gallez und Martin Deuring

Drei in Vorarlberg bestens bekannte Musiker helfen mir mit ihren Statements aus der Patsche, indem sie ihre Eindrücke nach dem Konzert am Ostersonntag schildern. Der Posaunist Wolfgang Bilgeri empfand die Werkauswahl des Konzerts, das unter dem Motto „Paul Hindemith – Bürgerschreck und Bewahrer“ gestanden ist, als sehr stimmig. Das Orchester habe sehr gut und mit hervorragender Intonation musiziert. Diese Qualitäten zeichneten auch die Interpretation des Quintetts „Die drei Anekdoten für Radio“ aus. Besonders beeindruckt war Wolfgang Bilgeri in dieser Werkdeutung von Mathias Klocker, der den Trompetenpart im Hinblick auf die Tongebung hervorragend gespielt habe. „Fridolin Schöbi hat ‚furchtbar schön‘ musiziert, die Musik hervorragend und mit sicherer Intonation gestaltet“, lobt Wolfgang Bilgeri.
Auch der Pianist Martin Gallez war begeistert vom Konzert der Camerata Musica Reno unter der Leitung von Tobias Grabher. „Paul Hindemiths Stimme durch seine Musik und durch das Vorlesen einiger seiner Briefe zu hören, ihm in seiner Modernität aber auch seiner starken Verbundenheit mit der jahrhundertealten, musikalischen Tradition unseres Kontinents zu folgen, sich freuen zu können über so viele junge Talente aus Vorarlberg, dies war das besondere Erlebnis, das uns in diesem Konzert wahrlich geschenkt wurde“, freute sich Martin Gallez. Die Musiker:innen hätten ihn in Staunen versetzt und beeindruckt. Als Höhepunkt des Konzertes erlebte er Hindemiths Konzert für Bratsche und Kammerorchester: „Der Schwanendreher“. Der junge Bratschist Fridolin Schöbi habe ihn mit seiner Inspiration, seiner Leidenschaft und auch mit einer schlafwandlerischen Sicherheit durch das ganze Werk hindurch begeistern können.
Der Kontrabassist Martin Deuring fühlte sich beim Konzert in seine eigene Jugendzeit zurückversetzt. „Ich sah die jungen Musiker:innen, wie sie sich ins Zeug legen, wie sie dieses sehr interessante Konzert bestreiten. Es erinnerte mich an meine Jugend, an die Vorarlberger Kammermusiker oder das junge Ensemble Plus. Und das gefällt mir sehr und sollte in jeder Hinsicht unterstützt werden“, betonte Martin Deuring. „Sehr schön aufgefallen sind die erste Geigerin, der Trompeter und die Klarinettisten. Ein besonderes Lob findet Martin Deuring für Fridolin Schöbi. „Der Solobratscher war ganz wunderbar. In seinem jungen Alter dieses Werk so wunderbar emotional aufzuführen, gefiel mir sehr.“

Unter dem Motto „Paul Hindemith - Bürgerschreck und Bewahrer" holte die Camerata Musica Reno unter der Leitung von Tobias Grabher einen oft verkannten Komponisten des 20. Jahrhunderts im Theater Kosmos vor den Vorhang und begeisterte das Publikum. Fridolin Schöbi wurde als Solist des Bratschenkonzertes „Der Schwanendreher" stürmisch gefeiert.

Unter dem Motto „Paul Hindemith - Bürgerschreck und Bewahrer" holte die Camerata Musica Reno unter der Leitung von Tobias Grabher einen oft verkannten Komponisten des 20. Jahrhunderts im Theater Kosmos vor den Vorhang und begeisterte das Publikum. Fridolin Schöbi wurde als Solist des Bratschenkonzertes „Der Schwanendreher" stürmisch gefeiert.

Augustin Jagg las aus Briefen, Notizen und Rezensionen und gab damit Einblicke in die Lebenssituation des Komponisten in Zeiten, die für Kunstschaffende äußerst schwierig waren. (© privat)

Augustin Jagg las aus Briefen, Notizen und Rezensionen und gab damit Einblicke in die Lebenssituation des Komponisten in Zeiten, die für Kunstschaffende äußerst schwierig waren. (© privat)

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  • Unter dem Motto „Paul Hindemith - Bürgerschreck und Bewahrer" holte die Camerata Musica Reno unter der Leitung von Tobias Grabher einen oft verkannten Komponisten des 20. Jahrhunderts im Theater Kosmos vor den Vorhang und begeisterte das Publikum. Fridolin Schöbi wurde als Solist des Bratschenkonzertes „Der Schwanendreher" stürmisch gefeiert. Unter dem Motto „Paul Hindemith - Bürgerschreck und Bewahrer" holte die Camerata Musica Reno unter der Leitung von Tobias Grabher einen oft verkannten Komponisten des 20. Jahrhunderts im Theater Kosmos vor den Vorhang und begeisterte das Publikum. Fridolin Schöbi wurde als Solist des Bratschenkonzertes „Der Schwanendreher" stürmisch gefeiert.
  • Augustin Jagg las aus Briefen, Notizen und Rezensionen und gab damit Einblicke in die Lebenssituation des Komponisten in Zeiten, die für Kunstschaffende äußerst schwierig waren. (© privat) Augustin Jagg las aus Briefen, Notizen und Rezensionen und gab damit Einblicke in die Lebenssituation des Komponisten in Zeiten, die für Kunstschaffende äußerst schwierig waren. (© privat)