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15.10.2021 |  Peter Füssl

Elektrisierende Gegensätze – Demestri & Lefeuvres „Glitch“ beim tanz ist Festival am Spielboden

Florencia Demestri und Samuel Lefeuvre brauchten eineinhalb Jahre und drei Anläufe, um ihre Produktion „Glitch“ endlich doch noch als österreichische Erstaufführung beim tanz ist Festival am Dornbirner Spielboden präsentieren zu können. Das Corona-Virus hatte sich mehrfach als Spielverderber in die Festival-Planung eingemischt, aber letztlich hat sich das Warten gelohnt. Das in Belgien lebende Tanz-Duo bot über eine Stunde hinweg eine intensive Performance, die in ihrer Vieldeutigkeit viele Interpretationsmöglichkeiten offen ließ und durchaus zu begeistern wusste.

Elektronisches oder Zwischenmenschliches

„Glitch ist ein Begriff aus der Elektronik und bezeichnet einen kurzzeitigen Signalfehler in einem digitalen System“, ist im Programmfolder zu lesen. Da erinnert man sich natürlich gleich an die in letzter Zeit häufig thematisierten Gefahren und Ängste wegen eines Blackouts. Welche Bedeutung hätte solch eine Katastrophe für unsere Kommunikationssysteme, für unser ganz normales Alltagsleben? Wie würden sich solche Störfälle auf unsere Körper auswirken? Solchen Fragen gingen die aus Argentinien stammende Multimedia-Künstlerin Florencia Demestri, die in ihrer Heimat, aber auch in Brasilien, Kuba und Spanien Theater, Zirkus und zeitgenössischen Tanz studierte, und der Belgier Samuel Lefeuvre, der unter anderem mit den Kompagnien Michéle Anne De Mey, Les Ballets C. de la B. oder Peeping Tom gearbeitet hat, nach. Die ganze Performance spielt sich auf einem einfarbigen, quadratischen Tanzboden ab, ohne jegliche Requisiten, mit einem ausschließlich auf Geräuschen basierenden Sounddesign von Raphaelle Latini und dem enorm wirkungsvollen Light-Design von Nicolas Olivier. Verkörpern die zwei in einfache Kutten gehüllten Gestalten physikalische Elementarteilchen im Stromkreislauf, oder handelt es sich doch um ein Liebespaar aus Fleisch und Blut?

Idyllisches kippt in Hektik um

Das Paar bewegt sich ultralangsam zu zartem elektronischem Wasserplätschern, im Gleichschritt, harmonisch aufeinander abgestimmt. Alles spielt sich in angenehmem Dämmerlicht ab. Aber die Idylle bekommt nach einer Weile Risse, das tröpfelnde Wasser entwickelt sich zum rauschenden Wasserfall, und die Beschaulichkeit schlägt in unkoordinierte Aktivtäten um. Roboterhafte Bewegungen in Endlosschleifen gefangen, Abgehacktes zu Möwengeschrei. Die elektronischen Störgeräusche spiegeln sich in den zuckenden Körpern wider, die auf geheimnisvolle Weise fremdgesteuert wirken. Prasselnde Elektronik lässt es zunehmend lauter werden, sie kauern bewegungslos auf der Tanzfläche, einzig ihre Schatten scheinen dank geschickter Lichteffekte auf dem Boden zu tanzen. Dann wechselt das Halbdunkel unvermittelt in gleißendes Licht, die Körper sind von den elektronischen Impulsen besessen, zittern in spastischen Bewegungen, verdrehen und wenden sich, sie befinden sich in totaler Spannung und wirken trotzdem auf seltsame Art abwesend. Blitzschnelle Bewegungen, die in überraschend eingestreuten Tableaus kurzfristig eingefrieren. Die Hektik steigert sich akustisch zu einer Mischung aus Feuerwerkskrachen und Meereswellen – bis zum Systemzusammenbruch. Absolute Stille. Dann Lichtblitze, Durcheinander, schwankend koordinierte Bewegungen. Der Tanzboden wird aufgerissen und verwandelt sich in zwei glänzende Alu-Decken. Auf einen weiteren Black-out folgte eine nervöse Lightshow und das Duo verschwindet zu Kurzschlussgeräuschen endgültig unter der glitzernd-gleißenden Oberfläche. Ein eindrucksvolles, emotional bewegendes Spektakel – das Publikum verharrte eine gefühlte Ewigkeit in absoluter Stille, ehe es sich mit begeistertem Applaus bei Florencia Demestri und Samuel Lefeuvre bedankte.

Ob man „Glitch“ nun tatsächlich als technologische Abhandlung oder als Befund zwischenmenschlicher Kommunikationsformen lesen will, eine beeindruckende Performance zwischen uniformem Gleichklang und elektrisierenden Gegensätzen ist es allemal. Alles bleibt mehrdeutig, der Phantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt.

Abschluss von tanz ist exceptional:
Hungry Sharks (AT)
1.618 – Urban Dance
Samstag, 16.10.21, 20.30 Uhr
Spielboden Dornbirn
www.spielboden.at
www.tanzist.at

Florencia Demestri und Samuel Lefeuvre - idyllischer Aufakt (alle Fotos © Stefan Hauer)

Florencia Demestri und Samuel Lefeuvre - idyllischer Aufakt (alle Fotos © Stefan Hauer)

Die Körper verdrehen und wenden sich von elektronischen Impulsen besessen

Die Körper verdrehen und wenden sich von elektronischen Impulsen besessen

Die Hektik steigert sich zu blitzschnellen Bewegungen, die in überraschend eingestreuten Tableaus kurzfristig eingefrieren (alle Fotos © Stefan Hauer)

Die Hektik steigert sich zu blitzschnellen Bewegungen, die in überraschend eingestreuten Tableaus kurzfristig eingefrieren (alle Fotos © Stefan Hauer)

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  • Florencia Demestri und Samuel Lefeuvre - idyllischer Aufakt (alle Fotos © Stefan Hauer) Florencia Demestri und Samuel Lefeuvre - idyllischer Aufakt (alle Fotos © Stefan Hauer)
  • Die Körper verdrehen und wenden sich von elektronischen Impulsen besessen Die Körper verdrehen und wenden sich von elektronischen Impulsen besessen
  • Die Hektik steigert sich zu blitzschnellen Bewegungen, die in überraschend eingestreuten Tableaus kurzfristig eingefrieren (alle Fotos © Stefan Hauer) Die Hektik steigert sich zu blitzschnellen Bewegungen, die in überraschend eingestreuten Tableaus kurzfristig eingefrieren (alle Fotos © Stefan Hauer)