Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

20.10.2019 |  Peter Niedermair

Catwalk der Eitelkeiten im Theater Kosmos – Ein phantastisches Gastspiel des Salzburger Schauspielhauses

Der junge steirische Dramatiker Ferdinand Schmalz hat Hugo von Hofmannsthals Drama „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ entstaubt, sprachklug für die Gegenwart umgeschrieben und völlig neu interpretiert. Das Auftragswerk wurde am Burgtheater im Februar 2018 uraufgeführt, war ab 30. März 2019 im Schauspielhaus Salzburg zu sehen, war heute und ist morgen, Sonntag, 20. Oktober im Rahmen der österreichischen Theaterallianz im Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.

Jedermann ist ein reicher Geschäftsmann, der keine Skrupel kennt und Nächstenliebe mit Steuervergünstigung gleich setzt. „Der gute Wille zählt fürs Werk“ – so klingen die Floskeln, mit denen der heutige Jedermann seine Verfehlungen zu rechtfertigen sucht. Sein Garten, eingehagt sagt man dazu in Lustenau, Zeichen des bürgerlichen Reichtums, ist ein Ort für ausschweifende Feste und zugleich umzäunte Festung, die keine Fremden und keine Armut einlassen soll. Auch der heutige Jedermann findet, als es zu Ende geht, keine wahren Freunde, selbst seine Frau geht den letzten Schritt nicht mit ihm. Er geht allein den letzten Gang, während die Gesellschaft weiter feiert. „Von wegen: der Tod macht alle gleich – der Tod ist eine Mauer, die immer höher wird, jedermann ist niemand, niemand anderes als wir!“

Gott ist „not amused“

Gott ist über den Zustand der Welt ‚not amused‘. Darüber frustriert, lässt er seine Wut an Jedermann aus, dieser menschgewordenen Allegorie des skrupellosen, raffgierigen Geschäftsmannes, dessen Rechenschaft er verlangt. Rudolf Frey lässt in seinem Jedermann (stirbt) soweit die Ohren reichen und die Augen geisteswach bei relativ hohem Tempo mithalten können alle möglichen Anspielungen in einem Textcollagenteppich wuchern und gedeihen. Die Sünder müssen jedenfalls wieder zurück in den paradiesischen Garten, zum Gartenfest. Jedermann und seine Frau, von abgebrüht bis zur trauernden Witwe, zum Grande Finale kommt der eindrückliche „Jedermann“-Ruf. Für den habgierigen kapitalistischen Nimmersatt–Börsianer wird es ziemlich unlustig. Es gibt ziemlich ausgiebig Kapitalismus-Kritik, Kritik auch an der österreichischen und benachbarten Politik, die als Grenzzaun-Phantasien und Flüchtlingskatastrophe daherkommt, als sich Jedermann und seine Gartengefolgschaft – siehe Prinz Prospero – verbarrikadieren. Die Sünden der Wirtschaft sind vielgestaltig, unterschwellig und heftig, über die Marketing-Branche wird ausgiebig gelästert. Gleichzeitig bedient sich Ferdinand Schmalz‘ Text genau der gleichen Wortspiele und Metaphern. Sein Stück Jedermann (stirbt) spielt mit Sprache, mit Worten, mit gebundener Sprache, wie wir sie aus der Hofmannsthal’schen  Version kennen; diese wechselt ständig und rhythmisiert mit modernen Dialogen und ist immer direkt ans Publikum adressiert. Als modernes Stück huldigt man in der Inszenierung außerdem dem Gender-Trend. Gott trägt Brautkleid und Blumenkränzchen, Charity stolziert mit Maxi-Rock und Ohrclips über den Laufsteg.

Jedermanns Floskeln zur Rechtfertigung

Das Publikum sitzt hüben und drüben eines grünen Kunstrasen-Catwalks (Bühne: Vincent Mesnaritsch) und formiert den streng bewachten Sicherheitszaun, den Grenzzaun als Ummauerung des feudalen Anwesens eines reichen Geschäftsmannes. Hier wie in Edgar Allan Poes „Die Maske des Roten Todes“, wo Prinz Prospero mit der betuchten Gesellschaft überschwängliche Feste feiert, ist Kultur, draußen herrscht Wildheit. Doch in dieses „Gärtlein mit Zaun“ dringt ein „gartenfremder Schädling“ ein, der es wagt, um Almosen zu bitten. Geld kriegt er keines, doch Jedermann gibt sich großzügig und lädt den armen Nachbarn ein, einen Tag lang mit ihm den Wohlstand zu genießen. Die Finanzwelt mit Generalprokura ist kaltschnäuzig und unmoralisch und steckt zudem in der Krise. Höchstens Jedermanns Mutter zeigt Mitleid und kühlt das Mütchen und den Großmut ihres gestressten Sohnes. Seine Frau hingegen hat die für sie mittlerweile aus den Fugen geratene „verwilderte Ehe“ satt und lädt die attraktive, sehr verführerische, jedoch tödliche Buhlschaft ein, sich um ihren Gemahl zu kümmern. Diese umgarnt Jedermann wie die Spinne in Gabriel García Márquez‘ Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, dessen magischer Realismus sehr realistisch war. Sie gewährt ihm höchstens eine Stunde, um einen Weggefährten für seine letzte Reise zu finden.

In Jedermann (stirbt) sind alle Allegorien gleich verderbt

Theo Helm gibt einen herzlosen, eiskalten, am Ende von Tinnitus gequälten Investmentbanker. Susanne Wende, seine Ehefrau, bleibt sehr diskret im Hintergrund und verfolgt sichtlich angewidert die unsauberen Geschäfte ihres Mannes. Sie lädt die Buhlschaft, Kristina Kahlert, zum Gartenfest; die mit dem Kuss der Spinnenfrau dem sündigen Treiben ihres Mannes ein Ende setzen soll. Ute Hamm ist grandios in der Rolle der sich um die Gesundheit ihres Sohnes treusorgenden Mutter. Urkomisch sind die Vettern, Antony Connor als dicker und Simon Jaritz als dünner. Marcus Marotte sorgt als Charity-Lady guter Werke für einen großen Auftritt und darf sich als Mammon über seinen Herrn lustig machen. Das gesamte, großartig schauspielende Ensemble formiert die teuflisch gute Gesellschaft, die sich immer wieder im Chor ans Publikum wendet.
Wenn man so will, ist der mittelenglische „Everyman“ aus 1509 das Urmodell für den allegorischen Jedermann-Text aus der Tudor-Zeit. Es gibt ein ähnliches in holländischer Sprache verfasstes Moralitätenspiel aus derselben Zeit, namens „Elckerlijc“. Hofmannsthal bediente sich für seinen „Jedermann“ an Vorlagen wie dem englischen „Everyman“; Ferdinand Schmalz aktualisierte das Spiel vom Leben des reichen Mannes im Auftrag des Burgtheaters und übertrug es wortgewaltig ins Jahr 2019. Rudolf Frey sorgte für eine wunderbare Inszenierung. Seine Szenerie ist ein Catwalk der Eitelkeiten. Großer, verdienter Applaus am Ende des Stücks bei der Aufführung im Theater Kosmos.  

Ferdinand Schmalz

… ist Bachmann-Preisträger 2017, wurde 1985 in Graz geboren, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Wien. Er arbeitete als Regieassistent am Schauspielhaus Wien und am Schauspielhaus Düsseldorf und war Mitbegründer des Festivals „Plötzlichkeiten“ im Theater im Bahnhof Graz. Für sein Erstlingswerk „am beispiel der butter“ erhielt er den Retzhofer Dramapreis, wurde zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2014 gewählt. Auch seine weiteren Theaterstücke erhielten zahlreiche Preise und wurden vom Burgtheater, dem Schauspiel Leipzig und dem Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. 2015 wurde er mit „dosenfleisch“ zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater und 2017 mit „der thermale widerstand“ zum Mühlheimer Theatertreffen eingeladen.

Nächste Vorstellung: Sonntag, 20.10.2019, 20 Uhr
Theater Kosmos Mariahilfstraße 29, 6900 Bregenz
Tel.: +43 (0)5574-44034  Mail: office@theaterkosmos.at

Schauspielhaus Salzburg: „Jedermann (stirbt)" von Ferdinand Schmalz (alle Fotos: © Chris Rogl)

Schauspielhaus Salzburg: „Jedermann (stirbt)" von Ferdinand Schmalz (alle Fotos: © Chris Rogl)

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Schauspielhaus Salzburg: „Jedermann (stirbt)" von Ferdinand Schmalz (alle Fotos: © Chris Rogl) Schauspielhaus Salzburg: „Jedermann (stirbt)" von Ferdinand Schmalz (alle Fotos: © Chris Rogl)
  • jedermann2-stirbt Foto Chris Rogl.jpg
  • jedermann3-stirbt_Fotos Chris Rogl.jpg