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22.10.2022 |  Peter Niedermair

Dagmar Ullmann-Bautz inszeniert im Saumarkt anspruchsvolles Theater: Annette Raschners „Fünf zu drei“

Am gestrigen Freitag, 21. Oktober 2022, präsentierte die Bühne West in einer Kooperation mit dem Theater Zwischentöne im Feldkircher Saumarkt ein unbedingt sehenswertes kriminalistisches Fünf-Personen-Kammerstück. Das sprachlich-literarisch divers komponierte, temporeich und abwechslungsreich arrangierte Stück überzeugt in der textlich-inhaltlichen Komposition durch eine ausgeprägt hohe Figuren-Komplexität, die es der Regisseurin Dagmar Ullmann-Bautz ermöglicht, wie eine dramaturgische Tänzerin mit den Figuren über die Bühne zu schweben, um ihnen trotzdem realistischen Boden unter den Füßen zu lassen. Phantastische Luftgängereien, mitunter Hochseilakte, kommen den durchgängig attraktiv gezeichneten Dramatis Personae, weil individuell ausstaffierten Persönlichkeiten, sehr zugute. Sie wirken individuell authentisch, überzeugen mit einer realistischen, charakterlich in feinem Timbre ausgeleuchteten Grundausstattung, die diese in ihrem mitunter von heiter bis ernsthaft durchgezeichneten Spiel der Interaktion nochmals dynamisieren.

Aspekte von Schuld und Verstrickung

Szenisch wiederholt heiter dreht sich das Stück von Annette Raschner um Aspekte schuldhafter Verstrickung, um wiederholtes Jonglieren und Von-sich-Schieben von Verantwortung. Tragisch-heiter, mitunter vulgärsprachlich, was jedoch nicht sonderlich auffällt, weil keine Kinder oder Jugendlichen anwesend sind, die sich darüber lustig machen könnten, und weil diese Wörter allgemein im Alltagssprachgebrauch sind. Dass paarweises geschlechtlich-sexuelles Explorieren und Interagieren sprachlich als Vögeln auf der Bühne artikuliert wird, verwundert keineswegs, sind doch auch die Paar-konstellativen Begegnungen durchaus den Vereinbarungen offener Beziehungen adäquat.

Ein komplexer Plot

Die personelle Ausstattung der eineinhalb Stunden Beziehungsrushhour schöpft aus den möglichen Flirtgeschichten, der Unternehmer und seine Geliebte, die Gattin und deren Geliebter und sein engster Geschäftspartner. Das an sich wäre noch nichts Außergewöhnliches. Allein der Plot – die Ereignisse – erstrecken sich über einen längeren Zeitraum. Der Unternehmer an sich ist tot, er wurde vor Jahren angeblich von seiner Gattin erschossen, die dafür verurteilt wurde und ihre Strafe abgesessen hat. Deren Wut und Empörung im Spiegel des Urteils der Geschworenen – Fünf zu drei – ist nachvollziehbar. Und auch bei Wolfgang tauchen Zweifel auf, die Hintergründe seiner Ermordung sind durchaus nicht voll ausgeleuchtet. Und die sich durch das Stück ziehende Schuldfrage wird letzten Endes nicht wirklich geklärt. Das Ergebnis des Geschworenen-Urteils, das auf ein angeblich reales Ereignis zurückgeht, lässt alle jene zweifelnd zurück, die je in der Funktion dieser staatsbürgerlichen Pflicht als Geschworener oder Schöffe bei Gericht, in der Regel circa zwei Jahre, standen. Kaum eine Konstellation in meinem Leben hat mich persönlich mehr und intensiver beschäftigt als die Frage nach Schuld und Nicht-Schuld im Kontext von Gerichtsprozessen und dem Finden von Entscheidungen. Alle diese Erfahrungen, um die sich Morde und Mordprozesse drehten, waren im Abstimmungsverhalten – ähnlich vergleichbar wie in Annette Raschners Stück. Nicht immer eindeutig, nicht immer widerspruchsfrei. Was zunächst auf die Fährte eines kriminailstischen Stücks führt, wird immer mehr und mehr zum psychologischen Portraitieren der fünf Figuren in diesem Kammerspiel, das bis zum Ende hin die Fallstricke, Tücken und Hinterlistigkeiten nicht auflöst. Die kann man-frau auch nicht mit einem Glas Crémant de Bourgogne an der Theke im Theaterfoyer wegtricksen.

Die Schauspieler:innen, ihr Spiel und die Ausstattung der Bühne

Elke Kikelj-Schwald, Sarah Ritter, Karl Müller, Sepp Gröfler und Dominik Meusburger spielen Figuren, die auf der Bühne sehr gefallen, Annette Raschner beschreibt dies fünf unterschiedlichen Charaktere und Typen, die jeweils in ihre Rollen hinein-geschrieben sind und als solche eingeschrieben agieren. Sie werden mit jedem Gedanken, jeder Geste, jedem Blick und jedem Entwicklungsschritt plausibler, sie entwickeln sich in ihren Persönlichkeiten und bleiben doch widersprüchlich und unstet. Für die Ausstattung zeichnet Caro Stark verantwortlich, die in den letzten Jahren zu kaum mehr zählbaren Theaterinszenierungen Bühnenbilder und Kostüme kreiert hat. Die Ausstattung auf der Bühne des Theaters am Saumarkt lebt von der Reduktion, die jeweils das Wesentliche fokussiert. Die fünf polsterartigen Scheiben und Zylinder werden auf der Bühne ständig umdisponiert und neu platziert. Sie fungieren als Podeste und stehen für sich verändernde Positionen der Schauspieler:innen in ihren Beziehungsgeflechten. Gleichzeitig erscheinen sie mir skurril und witzig als Bühnenspielzeug. Regie Verantwortliche ist Dagmar Ullmann-Bautz. „Fünf zu drei“ ist nicht die erste Kooperation mit Annette Raschner. Bereits 2014, wenn ich mich recht erinnere, hat die Autorin, die auch regelmäßig für die Zeitschrift Kultur schreibt, mit der Regisseurin und Theaterfrau, die ebenfalls für die Kultur Theatervorschauen und Rezensionen schreibt, bei „Der Junge im Baum“ zusammengearbeitet.

„Fünf zu drei“

"Fünf zu drei" hat als Theaterstück eine ungewöhnliche Form, auf den Plot bezogen holt sich ein Ermordeter Menschen aus der Zeit vor dem Mord in seine Zwischenwelt, um herauszufinden, wer ihn ermordet hat. Erlöst wird er erst dann, wenn er verzeiht, der Anlass des Mordes bleibt offen, auch wer es war… das alles hat neben der vorstellbaren Tragik, witzige Züge, die sich im Verlauf des Stücks als verschiedene Optionen öffnen. „Angezündet“ wurde das Stück durch einen Fall, der wirklich passiert ist, um das Jahr 2000, in Tirol, die Ehefrau war mit dem Geschworenenurteil „fünf zu drei“ viele Jahre im Gefängnis. Sie behauptete wiederholt, dass sie unschuldig sei. Man-frau plane nach dem Stück noch Zeit zum Reden ein.

Weitere Aufführungen:
Sa, 22.10., 19.30 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
So. 23.10., 17.00 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
25./26.10., 19.30 Uhr, Box, Vorarlberger Landestheater Bregenz

Vier nahestehende Menschen holt sich der ermordete Unternehmer Wolfgang in seine Zwischenwelt, um Klarheit zu erlangen © Cornelia Hefel

Vier nahestehende Menschen holt sich der ermordete Unternehmer Wolfgang in seine Zwischenwelt, um Klarheit zu erlangen © Cornelia Hefel

Wolfgang und seine Geliebte © Cornelia Hefel

Wolfgang und seine Geliebte © Cornelia Hefel

Das Bühnenbild von Caro Stark fokussiert auf das Wesentliche. © Cornelia Hefel

Das Bühnenbild von Caro Stark fokussiert auf das Wesentliche. © Cornelia Hefel

Die Unternehmer-Gattin war aufgrund des Geschworenenurteil „fünf zu drei“ viele Jahre im Gefängnis. © Cornelia Hefel

Die Unternehmer-Gattin war aufgrund des Geschworenenurteil „fünf zu drei“ viele Jahre im Gefängnis. © Cornelia Hefel

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  • Vier nahestehende Menschen holt sich der ermordete Unternehmer Wolfgang in seine Zwischenwelt, um Klarheit zu erlangen © Cornelia Hefel Vier nahestehende Menschen holt sich der ermordete Unternehmer Wolfgang in seine Zwischenwelt, um Klarheit zu erlangen © Cornelia Hefel
  • Wolfgang und seine Geliebte © Cornelia Hefel Wolfgang und seine Geliebte © Cornelia Hefel
  • Das Bühnenbild von Caro Stark fokussiert auf das Wesentliche. © Cornelia Hefel Das Bühnenbild von Caro Stark fokussiert auf das Wesentliche. © Cornelia Hefel
  • Die Unternehmer-Gattin war aufgrund des Geschworenenurteil „fünf zu drei“ viele Jahre im Gefängnis. © Cornelia Hefel Die Unternehmer-Gattin war aufgrund des Geschworenenurteil „fünf zu drei“ viele Jahre im Gefängnis. © Cornelia Hefel