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15.09.2019 |  Ingrid Bertel

„Führ mich in die Wohlfühlzone“

Mario Wurmitzers Satire „Das Optimum“, uraufgeführt vom Bregenzer Theater Kosmos, thematisiert die Wahl zwischen rechtsradikalem Aktionismus und neoliberalem Start-up – und setzt gleichwohl auf sanfte Utopie.

Als Altkanzler Sebastian Kurz im Jänner 2019 den Zeitpunkt, zu dem Leute aufstehen mit dem potenziellen Bezug der Mindestsicherung verknüpfte, da zog er sich allerhand Häme in den sozialen Medien zu, und #aufstehen wie Kurz wurde zum Lieblingsgadget der gedissten WienerInnen. Warum nicht gleich das Schlafen überhaupt abschaffen und aus dem 12-Stunden-Arbeitstag einen über 24 Stunden machen? Mario Wurmitzer denkt in seiner Satire „Das Optimum“ über die „schlaflose Gesellschaft“ und ihre Folgen nach.
Max (Philipp Auer) und Anna (Nina Lilith Völsch) hängen ziemlich in den Seilen. Seit wie vielen Stunden haben sie nicht mehr geschlafen? Anna zickt und rastet wegen jeder Kleinigkeit aus. Max knibbelt mit den Fingern, zerrt an den Manschetten seines Hemds. Ausrasten darf er nicht, denn Anna ist die bessere Leistungsträgerin. Das schmettert sie ihm aggressiv entgegen. Er hingegen hat vier Millionen mit Sportwetten verzockt. Keine Sucht, sondern „eine Berufung“, wie er beteuert.
Mario Wurmitzer beginnt sein Stück ganz klein, legt die Lupe auf eine scheiternde Beziehung und fragt dann: Was zerstört die Liebe zwischen Anna und Max? It’s the economy, stupid!
Ein Coach (Enrique Fiß) tritt auf, salbadert Shrink- und NLP-Phrasen, verteilt Antidepressiva, zu denen Max sogleich ganz gierig greift. Thomas ist wird  Mitglied eines Vereins zur Förderung der „schlaflosen Gesellschaft“ – und Max wird vom Fleck weg sein Apologet. 

Spucken auf die Minderleister 

Nicht mehr schlafen. Nie mehr schlafen. Immer Leistung bringen. Dabei auf die Minderleister spucken, sich zur Gruppe der „Fleißigen und Anständigen“ zählen, das ist das Ziel. Die drei agieren auf einer metallenen Rampe, „jetzt, wo Piste drei am Flughafen Wien Schwechat möglich ist“, schmunzelt die Ausstatterin Larissa Kramarek. Außerdem sei Metall ein Material, an dem nichts haften bleibt, das keine Spuren aufweist. Und das ist ja das Traurige an der „schlaflosen Gesellschaft“: dass sie die Identität auslöscht, die Erinnerungen, die Träume, die Zuwendung zum anderen. Alles wird der absoluten Getriebenheit geopfert. Wäre es nicht fantastisch, immer aufgeladen zu sein? Wie ein Smartphone? Nein, befindet Anna – und singt mit wackeliger Stimme „Der Mond ist aufgegangen“. Darum gehe es im Kern, daran leiden seine Figuren, betont der Autor Mario Wurmitzer. Sie kriegen mit, was sie mit dem Schlafen noch alles aufgeben. Ihn habe beschäftigt, welch breiten Raum das Thema „Schlaf“, ja „Optimierung des Schlafs“, „Hochleistungs-Schlaf“ mittlerweile in unserer Gesellschaft einnehme.
Auf der Bühne werden indes Gelbwesten verteilt. Ausstatterin Larissa Kramarek hat sie nicht zufällig gewählt. Es ist eben sehr viel Wut in der gespaltenen Gesellschaft, aber auch, sagt Kramarek „eine Angst vor der Dunkelheit. Man könnte ja einschlafen und damit weniger Leistung bringen. Deshalb die Warnwesten.“ Die leuchten im Dunkeln, wo Max und Thomas wild trainieren.
Maria Sendlhofer setzt den filigranen Text mit Furor in Szene, rauscht durch die Verführung zum rechtsradikalen Aktionismus, der Max erliegt, brettert durch Annas Zweifel – und die drei Schauspieler zeigen sich dem rasanten Tempo gewachsen, statten es mit feinsten kleinen Gesten aus. Es ist eine Freude, ihnen im Parforceritt durch jene ideologischen Angebote zu folgen, denen wir in den letzten Jahren unaufhörlich ausgesetzt waren. 

„Wir werden gar nichts mehr spüren.“ 

Max entführt den Schlafforscher Dr. Peter Bach – der Felix Baumgartners „gemäßigte Diktatur“ propagiert und ein Destillat mit sich führt. Das soll die Folgen der Schlaflosigkeit mildern. Anna und Thomas öffnen je eine Dose Red Bull. Prima Idee! Ein Start-up mit dem Potenzial eines Marktnischen-Monopols. Das ist Annas Wahl. „Wie fließend rechtsradikale und neoliberale Ideen ineinander übergehen“, das habe sie an Wurmitzers Text fasziniert, sagt Regisseurin Maria Sendlhofer. Aber sie entlässt uns betörte ZuseherInnen nicht mit Bitterkeit, sondern mit einem Lächeln: einmal präzise durchzudenken, warum wir uns alle auf die Getriebenheit von Max, Anna und Thomas einlassen, das ist eine wunderbare Erfahrung. Und der Mond ist auch aufgegangen.

Weitere Vorstellungen:
20./21./26./27./28.9. und 3./4./5.10., jeweils 20 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz

(alle Fotos: Gerhard Kresser / Theater Kosmos)

(alle Fotos: Gerhard Kresser / Theater Kosmos)

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