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01.07.2022 |  Peter Niedermair

„immer wenn ich falle: Klippenspringerin" – Uraufführung des Stückes von Raoul Eisele im Rahmen des Kosmodroms im Theater Kosmos

Im Theater Kosmos hatte die „Klippenspringerin“, ein Stück von Raoul Eisele, gestern Abend Premiere. Heute Freitag und morgen Samstag, 1. und 2. Juli, treten in der vortrefflichen Inszenierung, Regie Michaela Vogel, die drei exzellent agierenden Schauspielerinnen Laura Dittmann, Kaija Ledergerber und Maria Strauss nochmals auf die Bühne. Der Besuch der 60-minütigen Inszenierung mit dramatischem Tiefgang in der Kosmodrom Reihe lohnt den Weg ins Theater.

Kosmodrom wurde von Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig, den Theatermachern, 2020 als Stückewettbewerb „Life in 2050“ ausgeschrieben und fand regen Zuspruch. Diese Initiative war zeitlich gesehen praktisch vor dem unmittelbaren Beginn der Corona Ereignisse; der Themenfokus auf Utopien bzw. Dystopien rückte sehr bald ins Zentrum, wurde überpräsent und hat die vergangenen zwei Jahre maßgeblich mitbestimmt. Im Februar 2020 hätte wohl noch niemand gedacht, dass diese Stücke ungebrochen aktuell sind. Der Autor hat bis unmittelbar vor der Premiere der „Klippenspringerin“ an seinem komplex strukturierten Stück sprachliche Feinarbeit geleistet. Das Stück überzeugt in jeder Hinsicht. 

Am Swimmingpool

Das von Mandy Hanke eingerichtete Bühnenbild, die Kostüme entworfen hat Nicole Wehinger, zeigt als einzigen Ort des Geschehens einen Swimmingpool, in dem es Wasser nur fiktiv gibt. Das Schwimmbad repräsentiert den Ort einer offenen Text-Szenerie, die von der Regisseurin auf drei Frauen aufgeteilt ist. Sie stehen alle simultan auf der Bühne, ihr Sprechen ist individualisiert und dennoch dialogisch miteinander verwoben, in einigen Passagen hatte ich den Eindruck, die drei Frauen könnten auch aus der Perspektive dreier verschiedener Generationen agieren. Die Textfläche ist komplex vielschichtig, spielt mit sprachlichen Wiederholungen, Flashbacks, Gesang und einer eingestreuten Reihe von körperlichen Bewegungen, die sich allesamt auf Schwimmübungen beziehen. Das sieht fröhlich und angestrengt zugleich aus, mitunter lauthals, der Text spielt auf verschiedenen Ebenen. Das heißt, das Schwimmbad fungiert als Erinnerungsstätte, der Swimmingpool wird zum Ort der un:scheinbaren Vereinsamung, er ist ein Ort der spröden Freude, des scheinbaren Glücks; die drei Protagonistinnen erzählen von ihren Liebesbekanntschaften und Erfahrungen mit Sex, halbexplizit und angedeutet, dennoch authentisch, in einer fiktionalisierten Sprache, in der das Fallen zentral strukturiert ist. „I was made for lovin‘ you, baby.“ Das „Haarefrisieren nach dem Sex“, und „der Tick mit dem Händewaschen“ sind persönliche Erinnerungspartikel, die synonym für Beziehungserfahrungen stehen können. Die Klippenspringerin erzählt und spricht gegen die Kälte der Herzen, es ist ein Gegensprechen zur verinnerlichten Isolation, gegen die realisierte und dennoch un:bewusste Zurückgezogenheit. Es bleibt als großer Vorhang im Hintergrund die Welt der Stille, in der die Menschen zwar voneinander wissen, sich jedoch nicht mehr begegnen. Eine Welt, in der sie einsam durch Straßen ziehen, vorbei an verlassenen Gebäuden, unbewohnte Hüllen. Der historische Ort ist die Stadt Prypjat, die hier im Text als Projektion fungiert.

„In den Häfen warten Schiffe“ – Prypjat

In der ersten Szene hören wir BO, eine der drei Spielerinnen: „es sind dreißig Jahre vergangen, ist Mitte des Jahrhunderts, sag erinnerst du dich an dreißig Jahre zuvor, erinnerst du dich an eine Zeit, die den Beginn der Isolation, den Beginn, einer neuen Stunde … damals blieb die Zeit, rechneten wir nur noch in Sonntagen, rechneten nur noch in leeren Straßen, Gassen, die von Einzelnen begangen, die nur noch einzeln durchschlendert werden durften.“ ANN setzt fort: „in den Häfen warten Schiffe, warten Fracht beladen zum Ablegen, warten und warten und … seit nun knapp zwanzig Jahren ist ein In- oder Export nicht mehr wirklich möglich, ist nicht mehr wirklich zeitgemäß; vor den Küsten Italiens liegt ein Frachter seit circa einem Jahr vor Anker, liegt dort und wartet, dessen Crew wurde nach der ersten Woche von kleinen Booten aus versorgt, niemand weiß wirklich, was man genau einschiffte, niemand wollte es wirklich so genau wissen.“ Die Stadt, die hier im Stück als Projektionsort auftaucht, heißt wie gesagt Prypjat, heute eine Geisterstadt, die 1970 im Umfeld des Kernkraftwerks Tschernobyl gegründet und 1986 infolge des katastrophalen Reaktorunglücks vollständig geräumt wurde. Zum Zeitpunkt der Katastrophe am 26. April 1986, nachzulesen auf Wikipedia, „wohnten hier etwa 49.360 Menschen, darunter etwa 15.500 Kinder. Das Kernkraftwerk war mit Abstand der größte Arbeitgeber für die Stadtbevölkerung.“ Die Stadt wurde am 27. April 1986 evakuiert. Etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt vom Platz des Volksfestes liegt eine Schwimmhalle. Als Ersatz für Prypjat wurde nach der Katastrophe die Stadt Slawutytsch neu errichtet.

Die Tschernobyl Katastrophe

In Prypjat gibt es noch heute einen Rummelplatz mit Riesenrad und Autoscooter. Der Rummel hätte am 1. Mai 1986 eröffnet werden sollen, wozu es wegen der Reaktorkatastrophe nicht mehr kam. In der Nähe des Reaktors existierte lange Zeit ein riesiger Schrottplatz, da nach den Aufräumarbeiten und dem Bau des Sarkophags hunderte Fahrzeuge (Lkw, Feuerwehrfahrzeuge, Hubschrauber, Geländewagen) so stark kontaminiert waren, dass eine Weiterverwendung unmöglich war. Heute ist dieser Schrottplatz im Rahmen der Dekontamination aufgelöst, die Fahrzeuge wurden wegen ihrer hohen Radioaktivität jedoch bis heute nicht entsorgt. Viele Fahrzeuge sind im Laufe der Zeit von Plünderern ausgeschlachtet und einige sogar weggeschafft worden. Zum Zeitpunkt der Katastrophe war Prypjat eine relativ reiche und insbesonders junge Stadt – das Durchschnittsalter lag zum Zeitpunkt der Katastrophe bei ca. 26 Jahren. Ende Juli 2011 wurde das Gebiet um das Kernkraftwerk Tschernobyl endgültig für den Tourismus geöffnet. Auf Spiegel online habe ich nachgelesen, dass Tourismusexperten von über einer Million Besucher:innen pro Jahr ausgehen, die dieser Form von „Extremtourismus“ nachgehen. Vertreter des UN-Entwicklungsprogramms, das bereits seit 2004 koordinierend vor Ort ist, begrüßten diese Entscheidung, weil so dringend benötigte Investitionen in die Region gelangen könnten.

Der Autor

Raoul Eisele, 1991 in Eisenstadt geboren, lebt und arbeitet in Wien, 2017 erschien der Lyrikband „morgen glätten wir träume“, 2021 der zweite Lyrikband „einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“, 2020 erhielt er das Startstipendium für Literatur der Stadt Wien, residierte als Artist in Residence im Salzburger Künstler:innenhaus und war im Herbst 2021 für drei Monate Stadtschreiber im Schriftsteller:innenhaus Stuttgart. Davor stand noch eine Residency im Kunstatelier Paliano in der Nähe Roms an. 2021 wurde sein Jugendstück „in einem Land ohne“ im WUK in Wien uraufgeführt.

Das Schöne und das Hässliche der Erinnerungen

Im Pressetext zum Stück „immer wenn ich falle: Klippenspringerin“ heißt es: „Vieles in der Welt hat sich verändert, viele hatten versucht, sich gegen diese Veränderungen zu stellen, doch ist und bleibt der Fortschritt unausweichlich und so entsteht die innere Notwendigkeit nach Nähe, die Suche nach jenen, denen man sich „nahe“ fühlt und die einem nahe sind; warmhaltende Beziehungen, oder jedenfalls die Hoffnung danach. Die Spielerinnen, die in Stadien ihres Lebens abgebildet sind, erzählen von jenen Missständen, von melancholischen, nostalgischen Ereignissen ihres Lebens, erzählen von der Freude, die sie immer noch in sich tragen oder zu tragen glauben. Sie verschaffen uns durch ihre Erinnerungen einen Einblick in alles Schöne und Hässliche auf dieser Welt, sprechen von Geschehnissen in Bezug auf Krisensituationen, erste Male (auch vom Schwimmen) und von Geschichten ihrer Kindheit, die unterbrochen durch Lautsprecherdurchsagen, immer wieder ins Hier und Jetzt zurückholen.“ Der Text der Klippenspringerin ist dicht, komplex, schwebend und schwer zugleich, voller Erinnerungsreferenzen und Anspielungen, die Schauspielerinnen agieren überzeugend, ich hoffe, wir können sie noch öfter im Theater Kosmos in Bregenz sehen; ebenso Theatertexte von Raoul Eisele.

Kosmodrom: „immer wenn ich falle: Klippenspringerin“ von Raoul Eisele
weitere Vorstellungen: 1. und 2. Juli, 20:30 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz

www.theaterkosmos.at

Im Stück füngiert das Schwimmbad als Erinnerungsstätte, der Swimmingpool wird zum Ort der un:scheinbaren Vereinsamung. (Foto: Mandy Hanke)

Im Stück füngiert das Schwimmbad als Erinnerungsstätte, der Swimmingpool wird zum Ort der un:scheinbaren Vereinsamung. (Foto: Mandy Hanke)

Der Text der Klippenspringerin ist dicht, komplex, schwebend und schwer zugleich, voller Erinnerungsreferenzen und Anspielungen. (Foto: Mandy Hanke)

Der Text der Klippenspringerin ist dicht, komplex, schwebend und schwer zugleich, voller Erinnerungsreferenzen und Anspielungen. (Foto: Mandy Hanke)

Die Schauspielerinnen agieren überzeugend. (Foto: Mandy Hanke)

Die Schauspielerinnen agieren überzeugend. (Foto: Mandy Hanke)

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  • Im Stück füngiert das Schwimmbad als Erinnerungsstätte, der Swimmingpool wird zum Ort der un:scheinbaren Vereinsamung. (Foto: Mandy Hanke) Im Stück füngiert das Schwimmbad als Erinnerungsstätte, der Swimmingpool wird zum Ort der un:scheinbaren Vereinsamung. (Foto: Mandy Hanke)
  • Der Text der Klippenspringerin ist dicht, komplex, schwebend und schwer zugleich, voller Erinnerungsreferenzen und Anspielungen. (Foto: Mandy Hanke) Der Text der Klippenspringerin ist dicht, komplex, schwebend und schwer zugleich, voller Erinnerungsreferenzen und Anspielungen. (Foto: Mandy Hanke)
  • Die Schauspielerinnen agieren überzeugend. (Foto: Mandy Hanke) Die Schauspielerinnen agieren überzeugend. (Foto: Mandy Hanke)