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19.05.2022 |  Peter Niedermair

„Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02" – Premiere mit dem aktionstheater ensemble am Landestheater

Die Uraufführung von Martin Grubers neuem Stück war am Mittwoch, 18. Mai im Großen Haus des Vorarlberger Landestheaters in Bregenz zu sehen – als eine Produktion des aktionstheater ensemble in Koproduktion mit dem Bregenzer Frühling der Landeshauptstadt Bregenz und dem Vorarlberger Landestheater. In Kooperation mit Werk X, Wien.

„Theater, das ist immerzu ein Lebensentwurf: Momentaufnahmen aus dem Leben, die sich aus den Versatzstücken des Alltags zu einem Bildband des Empfindens formen – sei es um der moralischen Versuchsanordnung willen, sei es aufgrund seiner ästhetischen Wundertüte, aber um eines geht es dabei immer: die Schlachtfelder des Lebens“, schreibt Maximilian Traxl, philosophischer Berater des aktionstheater ensemble. Und ein Schlachtfeld ist es in der Tat, was in der gestrigen Uraufführung auf der Bühne des Landestheaters zu sehen war. Eine Bühne, in schrägem Winkel angehoben, mit einem panoramaartigen Hintergrund, auf dem sich verschiedene schwarz-weiß Bilder wie als Film weiterspulend abwechseln, u.a. ein mit Zuschauer:innen besetzter Publikumsraum, der den Rahmen für ein sich gegenübersitzendes Vis-a-vis abgibt.

Es geht um Stühle und Kipppunkte

Stühle, die während der gesamten 70 Minuten in einem fort getragen und weitergetragen werden, wo die Protagonist:innen doch eigentlich eh nicht wissen, wohin sie diese Stühle denn eigentlich stellen sollen. Gelegentlich kommen darauf die exzellent agierenden Schauspieler:innen kurzfristig zum Sitzen, und auch das nicht ruhig, weil sie sich – wie an einem nächsten Kipppunkt – fortwährend bewegen müssen, die Beine übereinander schlagen, und eine permanente Unruhe spiegeln, die sich auch auf das Publikum überträgt, sich dort wellenförmig fortsetzt, um am hinteren Ende angelangt, wieder nach vorne zu kippen. Dass das Theater derzeit nicht wirklich etwas tauge, wird programmatisch an den Beginn gesetzt und als Hypothese platziert, gegen die das Stück dann in den restlichen 67 Minuten anspielt. Dabei ist in einem grotesk-bizarren gesamtflächigen inhaltlich-thematischen Chaos, das auch beachtlich komische Szenen und Partien zum Lachen bereithält, an dem man eh sofort zu ersticken droht, nicht wirklich viel zu lachen: weil es einem ob der Grobschlächtigkeit der außergewöhnlich derben geflucht wird, was das Zeug hält, nicht jugendfrei, auch wenn die nicht weniger fluchen und wegen der unvermittelt ausbrechenden wütend ausagierten körperlichen Aggression und Gewalt die Sprache verschlägt.
Mit Blut beschmiert die Kleidung, legere, salopp getragene sandockerfarben getönte Unterwäsche, an der immer wieder einmal gezupft wird. An anderen Stellen, gegen Ende zu, tauchen sprachlich außergewöhnlich poetische Bilder auf, etwa bei Tamara, die irgendwann vorher im Stück ironisierend für „Ukraine vögeln“ plädierte: „Nachts. Mitten im Schnee. Und dann kommen die Babuschkas mit ihren geschnitzten Holzpuppen, Pelmeni und gekochte Kartoffeln und stehen vor den Eingängen. Und ich bahne mir da einen Weg nach draußen bei minus 40 Grad und absolute Stille, du hörst nichts. Gar nichts. Und da ist eine endlose, weiße Fläche, und ich war noch nie in meinem Leben den Sternen so nah. Es war, als könnte ich die Hand ausstrecken und mir einen pflücken. Absolute Windstille, komplett trocken. Der klarste und ruhigste Moment meines Lebens.“
Neben der eingangs vorgestellten Sehnsucht nach Entspannung, auch das ein gesättigt ironisierender side-step, der bis zum Ende mit dem fortwährenden Verrücken der Stühle, dass es zum Verrücktwerden ist, hält, weil es ganz im Gegenteil um die Anti-Entspannung geht, wo man sich den schönen Abend bei Bartok, Bach, Dostojewski, Tolstoi und Puschkin und anderen russischen Märchen schenken kann, kein schönes Programm. Vielmehr schlägt Zeynep, die Türkin, vor: „Aber was wäre, wenn wirklich alle Menschen Europas einfach eine riesige Menschenkette bilden würden … und in die Ukraine marschieren … mit Musik, mit einem Piano. So wie Gandhi …“

Babett: „Also ich finde Theater im Moment sehr schwierig“

Das Stück fegt über die Bühne wie ein sprachlicher Wirbelwind, der von der schrägen, lauten und wilden Musikperformance der Viererkombo angepeitscht wird, und die Textpassagen eindringlich untermauert, im metaphorischen Sinne. „Das kann man jetzt nicht einfach so stehen lassen. Nazi-Regime. Selber Nazi … Genau! So eine blöde Sau, scheiß Kuh, darf doch nicht wahr sein. Nazi-Regime, also wirklich. Unser Herr Bundespräsident ist ein Jahr im Amt, EIN JAHR! Dann wird der ausgewechselt und zwar subito“, hören wir im besten ironischen Vorurteilsspeak über die Schweiz und die Schweizer:innen: „Jetzt säg au mal öppis gopfertelli!" Luzian steht auf, Subito. Babett: „So ä dummi Chuä – das gits ja nöd– du Zwäschggefüdli, du dummi Tschädere, du verbrünzleti Blauarschgumsle. Ich tätsch der grad eis, du blödi Sau. Du Nazi-Sau. Jawoll.“ Doch Michaela erwidert, so habe sie das doch nicht gemeint. M geht zu B, B steht auf, geht zum vorderen Stuhl, setzt sich, M geht ihr nach, stellt ihr die Zuckerschlangen hin:„Entschuldigung, Babett, wir sind doch ganz genau dieselben Nazis. Wirklich. Entschuldigung. Wir sind noch viel die schlimmeren Nazis. (…) 70 Prozent sind sicher alles Nazis bei uns in Österreich, oder 80 Prozent. Babett, wir in Österreich sind nur noch eine Wahldemokratie. (…) und auf der Korruptionsliste sind wir ganz weit oben, da gibt es nichts zu beschönigen, sogar im internationalen Vergleich. Und was die Pressefreiheit betrifft, haben wir ganz beschissen abgeschnitten. Platz 31. Entschuldigung Babett, Entschuldigung.“ Wenn das schweizerisch-österreichische „Füdeli“-Duell zu Ende kommt, muss auch noch David seinen „Senf dazugeben“. Dazwischen bittet Babett noch für die Pussy Riots, die gerade auf Europa-Tournee unterwegs sind, mit einem einzigen Gastspiel in Österreich, St. Johann im Tirol.

„Heilige Pussy Riot, bitt‘ für uns. Heilige Pussy Riot, bitt‘ für uns.“

Doch und eigentlich – dem Titel des Stücks folgend, hält nur das Lügen die Gemeinschaft zusammen, „weil, wenn man nur die Wahrheit sagen würde, würden sich alle erschießen. Was die Gesellschaft zusammenhält, ist nur die Lüge. Rein wissenschaftlich hält uns das Lügen zusammen. Man lügt alle 11 Minuten.“ Während mit großer Rundum-Lust und solidem Halbwissen und klugen Sprüchen damals in der gemütlichen „Pension Europa“ (Uraufführung aktionstheater ensemble 2014) über die Vorzüge der Demokratie schwadroniert wurde, ist hier alles zum Schlechtesten bestellt. Bei einem Blick in das Europa von heute und den Rest der Welt gibt es ja tatsächlich eigentlich nichts, außer der Hoffnung, dass die Tomaten und die Avokados im Garten wachsen und der Feuerbrand sich von den Laubbäumen gefälligst fernhält. Und: wer wüsste denn jetzt schon wirklich Bescheid, wie das alles läuft und wohin es läuft, und warum es gar nicht läuft … Was damals champagnerisiert wurde, ist als Anlassereignis jetzt und längst in die Grube gefallen. Fröhlich war einmal. Jetzt ist es anders, das goldene Zeitalter des Theaters, das Eldorado der Kunst ist in den Bahnhof eingefahren, ob mit oder ohne Platzkarte, das kümmert jetzt nicht mehr.
Doch: was soll das aktionstheater ensemble jetzt tun? Im Programmzettel des Theaters steht: „Wollte man ursprünglich, in einem anarchisch dionysischen Akt, das Ende der Pandemie feiern, so legen sich nun der Krieg in der Ukraine, die Erwärmung und eine drohende Wirtschaftskrise wie ein Grauschleier über den Frühling in der ,Pension Europa‘. Meint eine der Akteur:innen, dass das Theater, in Zeiten wie diesen, leider gar nichts ausrichten kann, so versuchen die Anderen dem Geschehen so etwas wie Erkenntnisgewinn abzuringen.
Der Theaterabend ist nicht unterhaltsam, vielmehr anspruchsvoll, schwierig, manchmal an Kipppunkten, dass ich die Wiederholungen kaum mehr ausgehalten habe. Und an manchen anderen Stellen ist das Stück zum Weinen. Das Lachen ist ja längst vergangen. Das war im Ticketpreis inbegriffen. Doch kommen sie wieder, die Zuschauer:innen. Das Landestheater hat mit Martin Grubers aktionstheater eine wunderbare Kooperation, auch mit dem Bregenzer Frühling. Weiter so! A richtige Füdlabergerei … auf dem Theater … Juhu!

aktionstheater ensemble: „Lüg mich an und spiel mit mir. Europa 02" von Martin Gruber und Ensemble, UA
Weitere Vorstellungen: 20./21./22./24./25.5., jeweils 19.30 Uhr
Am So. 22. Mail gilt die 2:1-Aktion und um 21.00 Uhr findet ein Publikumsgespräch statt.
Theater am Kornmarkt, Bregenz

www.landestheater.org
www.aktionstheater.at

Stühle werden getragen, verschoben,  verrückt und nur selten von dem Ensemble (Babett Arens, Michaela Bilgeri, Zeynep Alan, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern) als Sitzgelegenheit genutzt. (© Anja Köhler)

Stühle werden getragen, verschoben, verrückt und nur selten von dem Ensemble (Babett Arens, Michaela Bilgeri, Zeynep Alan, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern) als Sitzgelegenheit genutzt. (© Anja Köhler)

Das Stück fegt über die Bühne wie ein sprachlicher Wirbelwind, der von der schrägen, lauten und wilden Musikperformance der Viererkombo angepeitscht wird. (© Anja Köhler)

Das Stück fegt über die Bühne wie ein sprachlicher Wirbelwind, der von der schrägen, lauten und wilden Musikperformance der Viererkombo angepeitscht wird. (© Anja Köhler)

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  • Stühle werden getragen, verschoben,  verrückt und nur selten von dem Ensemble (Babett Arens, Michaela Bilgeri, Zeynep Alan, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern) als Sitzgelegenheit genutzt. (© Anja Köhler) Stühle werden getragen, verschoben, verrückt und nur selten von dem Ensemble (Babett Arens, Michaela Bilgeri, Zeynep Alan, Luzian Hirzel, David Kopp, Tamara Stern) als Sitzgelegenheit genutzt. (© Anja Köhler)
  • Das Stück fegt über die Bühne wie ein sprachlicher Wirbelwind, der von der schrägen, lauten und wilden Musikperformance der Viererkombo angepeitscht wird. (© Anja Köhler) Das Stück fegt über die Bühne wie ein sprachlicher Wirbelwind, der von der schrägen, lauten und wilden Musikperformance der Viererkombo angepeitscht wird. (© Anja Köhler)