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27.02.2022 |  Ingrid Bertel

Radikal scheitern

Das Theater Kosmos erinnert in „Die Entführung des Thomas G.“ an das tragische Leben von Thomas Gratt. Am Abend des 9. November 1977 wird der Textilunternehmer Walter Palmers vor seiner Villa in Wien/Währing in ein Auto gezerrt und entführt. Die terroristische Bewegung 2. Juni hält ihn vier Tage lang gefangen. Palmers kommt schließlich für ein Lösegeld von 30,5 Millionen Schilling frei, die Entführer werden verhaftet. Einer von ihnen ist ein 21-jähriger Student aus Wolfurt: Thomas Gratt.

„Du warst der Trottel vom Dienst. Nicht mal richtig in die Planung involviert!“ Die Schwester besucht den jungen Mann im Gefängnis. Der Name Thomas Gratt fällt in diesem Stück nicht. Autor und Regisseur Benjamin Blaikner inszeniert es in einem luftigen Zelt. Mit zwei beweglichen Beamern umkreisen die Frauen (Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger) den jungen Gefangenen (Torsten Hermentin). Bilderfluten überziehen die weißen Planen, das Gesicht wird zum Morphing. Schwere Eisenketten hängen von der Decke. Ketten, an denen der Mann Turnübungen macht (Gratt war ein begabter Kunstturner), Ketten, in die er sich verwickelt, gegen die er stößt, deren Klirren seine kreisenden Gedanken stoppt. Das Gefängnis, sagt er, sei „ein starkes Bild des Denkens“.

Unerreichbar vereinsamt

„Darf ich eintreten?“ Diese Frage wird dem Mann von allen Seiten gestellt, und immer sind es Frauen, die diese Frage stellen – die übermächtigen Frauen der Bewegung 2. Juni zum Beispiel, die ihn zu einer Tat drängen, die ihm von vornherein suspekt ist. „Ich wollte politisch-militärisch kämpfen und nicht Geld beschaffen.“ Thomas Gratt hat das so im Film „Keine Insel“ von Alexander Binder und Michael Gartner gesagt. Der Theatertext ist eine Collage aus solchen Interviewzitaten, aus Gesprächen mit der Schwester und nahen Bekannten Gratts. Dazu kommen Verse aus Edgar Allan Poes „Der Rabe“.

„Sich erheben – nimmermehr!“

Nimmermehr – das letzte Wort aus „Der Rabe“ ist so etwas wie das Mantra dieses einsamen Menschen, der die revolutionären Posen mit müder Routine ausführt. Er habe eben eine Entscheidung getroffen. Und jetzt trägt er eisern die Konsequenzen seiner Tat, lehnt einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung ab. Er wolle sich selber treu bleiben.
Für die Ausstellung „Der Fall Riccabona“ hat Hanno Loewy 2017 die Geschichte der Familie Palmers und ihrer Verbindungen nach Vorarlberg recherchiert, die Geschichte der Verfolgungen einer jüdischen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Thomas Gratt wusste davon nichts. Er wusste nicht einmal, dass Walter Palmers 74 Jahre alt und gebrechlich war. Hätte er mit diesem Wissen anders gehandelt? Benjamin Blaikner präsentiert ihn uns jedenfalls nicht in einem Schwarz-Weiß-Bild, sondern als Mensch – und zwar als einen, dem sein Menschsein bewusst wird – auf eine tragische Weise.
In seiner Gefängniszelle und auch nach der Haftentlassung klagt er, er habe sein Spiegelbild verloren. Das ist seit Lacan wohl die mächtigste Metapher für das Selbstbild, die Gewissheit, ein Ich zu haben. Wie soll einer weiterleben, wenn sein Ich sich auflöst? Wie soll er andere Menschen an sich heranlassen? „Symbolisch war für mich immer dieses Panzerglas dazwischen“, erzählt Gratts Schwester Sabine Mathis von ihren Besuchen im Gefängnis. „Man kann sich nicht mehr berühren. Man kann sich nicht mehr nahe kommen. Er kann niemandem mehr nahe kommen.“
Torsten Hermentin spielt Thomas Gratt als ungeheuer kontrollierten Mann, als melancholischen Denker, der das Denken für ein Gefängnis hält. Energiegeladen umkreisen ihn Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger als Frauen der Bewegung 2. Juni, aber auch als Schwester und Geliebte. Bisweilen entsteht ein Hauch von Nähe und erlischt, wenn eine der Liveprojektionen von Remo Rauscher erscheint und Jonatan Szer dazu ein hartes Schlagzeug spielt.

Hans im Glück

Benjamin Blaikner ist ein dichter Abend gelungen; anstrengend bisweilen, weil er zum Nachdenken auffordert. Und es ist ein Abend, der einen ahnen lässt, warum Thomas Gratt seinen Freitod als Erlösung empfand. Er fühle sich wie der „Hans im Glück“, sagt da der Mann. „Zu Beginn stand mir gewiss vieles offen, doch schließlich war es nur ein Stein, der mir endlich vom Herzen gefallen ist.

Theater Kosmos: „Die Entführung des Thomas G." von Benjamin Blaikner
weitere Vorstellungen:
27.2., 13.3., 17 Uhr
3./4./5./11./12./13./18./19.3, 20 Uhr

Theater Kosmos, Bregenz
www.theaterkosmos.at

Torsten Hermentin alias Thomas Gratt spielt diesen als kontrollierten, melancholischen Mann, der das Denken für ein Gefängnis hält. (© Sarah Mistura)

Torsten Hermentin alias Thomas Gratt spielt diesen als kontrollierten, melancholischen Mann, der das Denken für ein Gefängnis hält. (© Sarah Mistura)

Die Frauen, gespielt von Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger, umkreisen den jungen Häftling stetig. (© Sarah Mistura)

Die Frauen, gespielt von Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger, umkreisen den jungen Häftling stetig. (© Sarah Mistura)

Liveprojektionen von Remo Rauscher werden durch bewegliche Beamer auf weiße Planen projiziert (© Edgar Leissing)

Liveprojektionen von Remo Rauscher werden durch bewegliche Beamer auf weiße Planen projiziert (© Edgar Leissing)

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  • Torsten Hermentin alias Thomas Gratt spielt diesen als kontrollierten, melancholischen Mann, der das Denken für ein Gefängnis hält. (© Sarah Mistura) Torsten Hermentin alias Thomas Gratt spielt diesen als kontrollierten, melancholischen Mann, der das Denken für ein Gefängnis hält. (© Sarah Mistura)
  • Die Frauen, gespielt von Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger, umkreisen den jungen Häftling stetig. (© Sarah Mistura) Die Frauen, gespielt von Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger, umkreisen den jungen Häftling stetig. (© Sarah Mistura)
  • Liveprojektionen von Remo Rauscher werden durch bewegliche Beamer auf weiße Planen projiziert (© Edgar Leissing) Liveprojektionen von Remo Rauscher werden durch bewegliche Beamer auf weiße Planen projiziert (© Edgar Leissing)