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11.06.2021 |  Gunnar Landsgesell

Tina

Sie wurde mit über 40 Jahren zum Pop-Superstar und hatte sich dafür - wie in einem zweiten Leben - erst neu erfinden müssen. Nach Jahren exzessiver Gewalterfahrungen durch ihren Ehemann Ike Turner schaffte es Tina Turner, sich loszueisen. Die Eckdaten aus dem Leben der Soul-, Funk- und Rocksängerin sind bekannt, doch die HBO-Biographie rollt sie in einer faszinierenden Dramaturgie neu auf und das mit einer Fülle erstaunlicher, vielfach früher Filmaufnahmen der Ikone. Nicht zuletzt gelingt es "Tina", ein Gefühl für die Zeit zu entwickeln, ohne die man die Geschichte der Sängerin kaum verstehen kann.

"Nam-myoho-renge-kyo. Nam-myoho-renge-kyo. Nam-myoho-renge-kyo." Als Tina Turner Ende der 1970er Jahre über eine Bekannte mit dem Buddhismus in Kontakt kommt, erlebt sie ihre zweite Geburt. Diesmal unter besseren Vorzeichen. Es ist einer von vielen magischen Momenten, mit denen die HBO-Produktion "Tina" noch einmal das Leben der schwarzen Rock- und Popsängerin aufrollt. Tina, mittlerweile 80 Jahre alt, in ihrem sicheren Hafen in der Schweiz, beginnt das Mantra zu murmeln, "Nam-myoho..." während Tina in Schlaglichtern quasi in das Universum eintaucht. Sie hat sich nach vielen Jahren vom sexuellen, physischen und psychischen Missbrauch (Weggefährtin Oprah Winfrey) ihres Ehemannes Ike befreit. Das berühmte "Dream Team" Ike and Tina Turner mit Funk- und Soul-Hits wie "Nutbush City Limits" und "Proud Mary" gibt es nicht mehr, Tina erfindet sich neu, als schwarze Rock- und Popsängerin, die mit einem neuen Produzenten- und Songwriterteam fortan "weiße" Musik macht. Dass der Weg dorthin, vor allem der der Befreiung, nicht einfach war, zeigt dieser Film, der keine gewöhnliche Biographie ist. Wie eine düstere Spur zieht sich die endemische Gewalt durch die fünf Kapitel des Films, der selbst den Topos des haunted house nicht scheut, als sich eine Kamera durch die scheinbar verlassenen Räume eines Hauses in den 1970er Jahren bewegt und nicht zufällig Assoziationen eines Tatorts, einer schrecklichen, unerklärlichen Einsamkeit beschwört. Tina ist bereits 40 Jahre alt, mehrfache Mutter und Ehefrau ohne Rechte, ein gewinnbringender Wirtschaftsfaktor für Ike, als sie nach ihrer Begegnung mit dem Buddhismus beschließt, ihren Mann zu verlassen. Der Star schleicht sich in größter Angst aus dem Haus, ohne einen Cent Geld, ruft einen Freund an, der ihr ein Flugticket besorgt. Die Reise in das zweite Ich kann beginnen.

Glanz und Martyrium 

In den vergangenen Jahren hat eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen dem Leben von Musikstars nachgespürt. Die Geschichte von Tina Turner ist bekannt, seit sie in den 1980er Jahren in einem Interview von ihrem Martyrium erzählte. Auch "Tina" macht das zum Zentrum seiner Erzählung, führt sogar noch weiter in die Kindheit, nach Nutbush, einem Nest nicht weit von Nashville, Tennessee, wo der Beginn der Erfahrungen von Lieblosigkeit bereits im Elternhaus angesetzt wird. Doch "Tina" ist keine lähmende Erinnerung oder Huldigung, vielmehr so energetisch und raumgreifend wie Tina Turners Bühnenshows selbst. Die Differenz zwischen dem lange widrigen Leben und der charismatischen, puren Bühnenpräsenz der Sängerin, deren Körpersprache sich selbst Stones-Chef Mick Jagger zu eigen machte, ist beachtlich. Das Regie-Duo Daniel Lindsay und T.J. Martin bietet dafür viel bislang kaum bekanntes Material auf, dessen Montage sich über die frühen Funk-Jahre und persönlichen Unbilden bis zum mühsamen Neubeginn mit Coverversions in Hallen in Las Vegas und sonst wo immer wieder zur Person Tina Turner vortastet. Sie hatte die Kinder, aber kein Geld, keine Musikrechte, nichts, heißt es einmal. So bemüht sich der Film, über die Erinnerungen der Sängerin und deren Weggefährten hinaus auch ein Gefühl für die Zeit zu vermitteln, ohne die sich finanzielle Abhängigkeiten und Entmündigung nur schwer begreifen lassen. Der unwahrscheinliche Ausgang dieser Lebensgeschichte ist bekannt: Das Album "Private Dancer" verkaufte sich 20 Millionen mal, auch wenn Tina Turner den Hit "What's Love..." nicht leiden konnte. Es folgte eine Biographie und das Biopic mit Angela Bassett in der Hauptrolle, die ebenfalls zu Wort kommt. Turner füllte als erste schwarze Sängerin die Fussballstadien der Welt, worin man im Sinn der Debatte über kulturelle Aneignung eine schöne Episode sehen kann. Und sie nahm mit 60 Jahren ihr letztes Album auf, das mit Titeln wie "When the Heartache is Over" immer noch von lange anhaltenden Verletzungen und der Befreiung erzählt.

Ein Leben aufgerollt, zwischen Bühnenstar und Entmündigung. Ganz in Rot: Ike Turner.

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Immer wieder kehrt der Film zu den Übergriffen zurück, nicht zuletzt, um Turners Leistung der Unabhängigkeit zu würdigen.

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Unwahrscheinliches Comeback: Schwarze Rocksängerin füllt Fußballstadien. Auch ein spannendes Kapitel im Film.

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  • Ein Leben aufgerollt, zwischen Bühnenstar und Entmündigung. Ganz in Rot: Ike Turner. Ein Leben aufgerollt, zwischen Bühnenstar und Entmündigung. Ganz in Rot: Ike Turner.
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