Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Collection for Letzte Kritiken

Fluchtort Hohenems: Vertreibung durch die Nationalsozialisten und Versuch einer Rückkehr
Es ist ein – man möchte sagen: gigantisches – Erinnerungsprojekt: der 100 Kilometer lange Gedenk-Radweg entlang der Route 1 von Bregenz bis Partenen. An 52 Stationen werden seit Anfang Juli Berichte von gescheiterten wie geglückten Fluchten in die Schweiz nach der Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft von 1938 bis 1945 erzählt. Dabei werden viele Schicksale deutlich, die bislang kaum oder gar nicht bekannt waren. Zu den schließlich geglückten Überquerungen der Grenze zählt die des Wiener Ehepaares Kreutner. Sie suchten mit einem Baby unmittelbar nach den Novemberpogromen 1938 die rettende Zuflucht in die Schweiz. Wie diese Flucht im Verlauf von vier Generationen bis heute wirkt, schildert Jonathan Kreutner – das damalige Kleinkind, inzwischen jüdischer Schweizer und Vater von zwei Kindern. Sie bekamen zurück, was den Eltern und Großeltern Jonathan Kreutners genommen wurde: die österreichische Staatsbürgerschaft. Jonathan Kreutner ist heute Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds in Zürich. Nachfolgend der Text seiner Rede bei der Eröffnung des Gedenk-Radweges „Über die Grenze“ am 3. Juli 2022 in Hohenems.
Puccinis „Madame Butterfly“: Gefeierte Festspielpremiere, die einiges auf den Kopf stellte
Wenn Ereignisse zusammentreffen wie ein neues Kapitel in der Bühnen-Ästhetik am See und ein Gewitter, das zum Abbruch dieser Veranstaltung führt, dann ist das wohl ein besonderes Ereignis, wie man es in der über 75-jährigen Geschichte der Bregenzer Festspiele kaum ein zweites Mal findet. So geschehen am Mittwoch bei der ausverkauften Premiere der diesjährigen Inszenierung von Puccinis Oper „Madame Butterfly“, die einiges auf den Kopf stellte und unter diesen Umständen erst gegen Mitternacht mit Standing Ovations der Hauskartenbesitzer im Festspielhaus endete.
Aktuell in den Filmclubs (22.7. - 28.7. 2022)
Im TaSKino Feldkirch und im Filmforum Bregenz wird diese Woche Michel Francos an Camus´ „Der Fremde" erinnerndes Thriller-Drama „Sundown" gezeigt. Das Kunsthaus Bregenz startet sein heuriges, Wes Anderson gewidmetes Open-Air mit „The Grand Budapest Hotel".
Monsieur Claude und sein großes Fest
Die Frage, was man in der dritten Auflage eines Erfolgsfilms dem Zufall überlassen darf, wird hier klar beantwortet: nichts. "Monsieur Claude 3" setzt auf sein Erfolgsrezept von vor 8 Jahren, hat auf dem Weg aber viel an Esprit verloren.
Musikalisches Lustwandeln in den Londoner Vauxhall Gärten – das Barockensemble Apollo’s Cabinet gab ein unterhaltsames Konzert
Die schwüle Abendluft passte hervorragend zum Thema eines Konzertes, zu dem das aus England stammende Barockensemble Apollo’s Cabinet in die evangelische Pauluskirche in Feldkirch lud. Gemeinsam mit der Sopranistin Ella Bodeker musizierte die Blockflötistin Teresa Wrann, begleitet von Harry Buckoke an der Viola da Gamba und dem vielseitigen Thomas Pickering am Cembalo, der Block- sowie Traversflöte. Mit Werken, unter anderem von Händel, Purcell und Pepusch, führten die Musiker:innen das Publikum musikalisch abwechslungsreich in die Londoner Gärten von Vauxhall und boten gute Unterhaltung.
Das Stadtmuseum Dornbirn startet eine Sammelaufruf: „Büro für schweres Erbe"
Für kommendes Jahr ist im Stadtmuseum Dornbirn eine Ausstellung zum „NS-Erbe“ geplant. Menschen, die Fragen zu ihrer eigenen Familiengeschichte oder auch Erbstücke aus dieser Zeit haben und bis jetzt nicht wussten, wie sie diese bestmöglich loswerden könnten, sind aufgerufen, sich damit an das „Recherchebüro“ zu wenden.
Jazz At Berlin Philharmonic XIII: Celebrating Mingus 100
Der Kontrabassist Georg Breinschmid vereint exzellente Spieltechnik mit überbordender Kreativität und genialem Spielwitz – folglich ist er die Idealbesetzung für eine Hommage auf Charles Mingus, der am 22. April hundert Jahre alt geworden wäre, zumal der Wiener Ex-Philharmoniker schon vor bald fünfzehn Jahren ein hervorragendes Mingus-Projekt mit österreichischen Spitzenjazzern realisiert hatte. Keineswegs weniger aufsehenerregend ist das umfangreiche und vielschichtige Oeuvre des schwedischen Saxophonisten/Klarinettisten/Flötisten Magnus Lindgren, der von ACT-Chef Siggi Loch als Co-Leader des neunköpfigen Ensembles eingeladen wurde, das am 13.4.2022 in der Berliner Philharmonie sechs der populärsten Mingus-Kompositionen live vor Publikum einspielte.
Lange nachklingende Klavierkunst mit Tiefgang – Aaron Pilsan löste bei der Schubertiade Hohenems Jubelstimmung aus
Der Pianist Aaron Pilsan zog bei seinem Recital im Rahmen der Schubertiade Hohenems durch seine sympathisch kommunikative Art und mit seinen faszinierenden Werkdeutungen die Zuhörenden in seinen Bann. Gut durchdacht legte der Musiker die Werkfolge mit einer inhaltsreichen Dramaturgie aus Spannung, Ausdrucksgehalt und humorvoller Unterhaltung an. Den Rahmen bildeten eine frühe Beethovensonate sowie Schuberts späte Sonate in c-Moll. Die fantastisch dargebotene Wandererfantasie (D760) stellte den Höhepunkt dar und für Heiterkeit sorgte eine Haydnsonate.
Vorwärtsdrängen, ausbremsen und verweilen – das Mandelring Quartett und Isang Enders hinterließen einen zwiespältigen Eindruck
Sechsmal konzertierte das deutsche Mandelring Quartett bereits bei der Schubertiade in Schwarzenberg bzw. in Hohenems. Beim siebten Konzert im Markus-Sittikus-Saal interpretierten Sebastian Schmidt, Nanette Schmidt, Andreas Willwohl und Bernhard Schmidt Haydns Streichquartett, op. 76/2. Der Cellist Isang Enders ergänzte das Quartett bei der Darbietung von Glasunows Streichquintett, op. 39 und Schuberts berühmtem Streichquintett in C-Dur. Die Werkdeutungen verströmten zwar individuelle Qualitäten, doch die teilweise sehr eigenwillige Spielart, insbesondere des Primgeigers, sorgte für Irritationen.
Nach dem Schelm ein verzweifelter Rebell
Die 1853 veröffentlichte Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville ist der Festivalklassiker des zweiten Literaricum Lech. Auf Initiative und Einladung von Nicola Steiner, Michael Köhlmeier und Raoul Schrott lesen und diskutieren namhafte Persönlichkeiten aus Literatur und Kultur über Aspekte dieses Buches. Für die Eröffnungsrede konnte Deutschlands wohl bekannteste Literaturkritikerin Elke Heidenreich gewonnen werden. Annette Raschner hat mit ihr gesprochen.
Lieben und Leben im tiefen Strom der Zeit – Jubel für Andrè Schuen und Daniel Heide bei der Schubertiade Hohenems
Mit den fünfzehn Romanzen „Die schöne Magelone“ von Johannes Brahms führten Andrè Schuen und Daniel Heide die Zuhörenden im Hohenemser Markus-Sittikus-Saal in die romantisch verklärte mittelalterliche Welt eines Ritters und seiner Geliebten. Gemeinsam hoben der Bariton und der Pianist die Brahms-Vertonungen von intimen Strophen und durchkomponierten Liedern bis in die Höhe konzertant ausgestalteter Opernszenen und zogen mit ihrer Werkdeutung die Konzertbesucher:innen vom ersten bis zum letzten Ton in ihren Bann.
Vier Wände für Zwei
Eine kühl agierende Managerin in Sevilla investiert in eine Eigentumswohnung, in der noch eine Frau wohnt, die nicht vorhat, schon bald zu versterben. Eine Dramedy, wie wir den Sarkasmus unserer Gesellschaft vielleicht aufbrechen können.
Aktuell in den Filmclubs (15.7. - 21.7. 2022)
Der FKC Dornbirn zeigt diese Woche den Dokumentarfilm „I Am the Tigress", in dem der Dornbirner Philipp Fussenegger die afroamerikanische Bodybuilderin Tisha Thomas porträtiert. Im Heerbrugger Kinotheater Madlen gibt es mit „Wild Men" eine schwarzhumorige dänische Komödie zu sehen, in der sich ein Mann in die Wälder zurückzieht.
Angel Olsen: Big Time
Im Video zum Opener „All The Good Times“ nimmt Angel Olsen ganz offensichtlich Abschied von ihrer eigenen Vergangenheit: „So long, farewell, this is the end, I’ll always remember you just like a friend“ singt sie ihrer alten Identität nach, denn vor einem Jahr hatte die damals 34-jährige Singer-Songwriterin auf Instagram mit den Zeilen „My beau, I’m gay“ ihr queeres Coming-Out, das sie als Befreiungsschlag empfand. Die emotional höchst mitteilsame Sängerin hat auch auf den Vorgänger-Alben ihr Herz niemals zur Mördergrube gemacht, und es ist wenig verwunderlich, dass sie die Fans nun auch an ihrer neugewonnenen Freiheit, an den optimistisch stimmenden Perspektiven und an ihrer neue Liebe teilhaben lässt – etwa beim gemütlich schunkelnden, schwärmerischen Titelsong „Big Time“, oder beim sich dramatisch aufbäumenden „Go Home“ („Forget the old dream / I got a new thing.“).
Die Verleihung des Sound@V 2022 ging am 9. Juli über die Poolbar-Bühne.
Bei herrlichem Open-Air Wetter und bester Festival-Stimmung wurden vergangenen Samstag die Gewinner:innen des Musikpreises Sound@V 2022 des ORF Vorarlberg gekürt. Junipa Gold, WHY-Y, Tape Moon und Nika haben dabei die Trophäen und das Preisgeld von insgesamt 20.000 Euro plus 5.000 Euro on Top (presented by AKM/aume) gewonnen.
Klassik Krumbach – ein kleines aber feines Musikfestival im Bregenzerwald
Zwei außergewöhnliche Kammermusikkonzerte konnten alle Musikfreunde, die am vergangenen Wochenende den Weg nach Krumbach gefunden hatten, in der dortigen Pfarrkirche erleben.
Mut lässt sich nicht kaufen
Vom mit Füßen getretenen Hund zum durchsetzungsstarken Wolf, der sich in der Gesellschaft einen Platz zu behaupten weiß und niemals aufgibt, seien die Umstände noch so widrig. Aus der Feder der Schweizer Autorin Katharina Morello beginnt ein aus Afghanistan geflüchteter Mann, im Buch Hazara genannt, nach und nach sein jugendliches Leben als Außenseiter und Fremdling Preis zu geben und das mit all den schicksalhaften Wendungen, inneren Kämpfen und äußeren Widrigkeiten, die das Leben parat zu haben scheint. Sowie sich allmählich eine Welt bestehend Leid, Schmerz, Trauer, aber auch Glück auftut, lüftet sich auch die Antwort nach dem Sinn unseres Daseins. Eine Parabel zum friedlichen Zusammenleben.
Melanie Greußing, Buchpräsentation und Lesung „Herz aller liebst“ im Egg Museum
Am 7. Juli 2022 las die Autorin im Rahmen ihrer derzeit im Egg Museum präsentierten Ausstellung „früher oder später" aus ihrem Buch „Herz aller liebst“. Die Publikation begleitet die Ausstellung im Volkskunde Museum Salzburg. Dort „an diesem einzigartigen Ort des Monatsschlössls in Hellbrunn entwickelt das Gesamtprojekt von Ausstellung und Publikation eine besondere Beziehungsgeschichte zwischen Volkskunde, Kunst- und Kulturgeschichte sowie zeitgenössischer Kunst“. (Martin Hochleitner im Vorwort des Buches)
Das dringlichste Weltthema sinnlich erfahrbar gemacht – die Konzertlesung der Camerata Musica Reno im Theater Kosmos ließ niemanden kalt
Nach Konzerten, in denen sich der Orchestergründer und Dirigent Tobias Grabher den Komponisten Igor Strawinsky, Richard Strauss und Paul Hindemith gewidmet hat, stellte er nun mit der Camerata Musica Reno ein brennendes Thema in den Mittelpunkt einer Konzertlesung: Die Klimakrise. Eine ausgezeichnete musikalische Dramaturgie sowie die klug dargebotenen, zugleich anschaulichen und informativen Wortbeiträge von Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer boten eine dichtes Gesamterlebnis. Sensibel unterstrichen und kommentierten die hervorragende Violinistin Xenia Rubin sowie das ausgezeichnet agierende Orchester mit Werkdeutungen von Johanna Doderer, Antonio Vivaldi, Joseph Haydn und Edward Grieg das stringente Programm im ausverkauften Saal des Theater Kosmos.
Opernstudio der Festspiele: Eine so kluge Fassbaender-Inszenierung verträgt sogar etwas Klamauk
Das war schon recht ärgerlich im Vorjahr: Keine andere Aufführung der Bregenzer Festspiele 2021 musste wegen Corona abgesagt werden, nur die vier Aufführungen des Opernstudios mit Rossinis Buffo-Köstlichkeit „Die Italienerin in Algier“, weil ein Ensemblemitglied am Tag der Premiere positiv getestet worden war. Monatelange intensive Vorarbeiten und Proben waren mit einem Schlag wie weggewischt. Aber natürlich nur für den Moment, denn als man sich von der Schrecksekunde erholt hatte, begannen auch schon die Terminplanungen mit Solisten, Chor, Orchester und Bühne, um die Produktion möglichst unverändert als eine Art turbulente Ouvertüre vor den diesjährigen Festspielen neu anzusetzen. Und nach der grandios unjubelten Premiere am Freitag im vollbesetzten Kornmarkttheater lässt sich einhellig feststellen: Das Warten hat sich gelohnt!
Artikelaktionen